Samstag, 20. Oktober 2012

Abgeschnitten - Sebastian Fitzek und Michael Tsokos



Rechtsmediziner Paul Herzfeld findet im Kopf einer monströs zugerichteten Leiche die Telefonnummer seiner Tochter. Hannah wurde verschleppt und für Herzfeld beginnt eine perverse Schnitzeljagd. Denn der psychopathische Entführer hat eine weitere Leiche auf Helgoland mit Hinweisen präpariert.
Herzfeld hat jedoch keine Chance, an die Informationen zu kommen. Die Hochseeinsel ist durch einen Orkan vom Festland abgeschnitten, die Bevölkerung bereits evakuiert. Unter den wenigen Menschen, die geblieben sind, ist die Comiczeichnerin Linda, die den Toten am Strand gefunden hat. Verzweifelt versucht Herzfeld sie zu überreden, die Obduktion nach seinen telefonischen Anweisungen durchzuführen. Doch Linda hat noch nie ein Skalpell berührt. Geschweige denn einen Menschen seziert (Verlagsinfo).


Kritik


„Abgeschnitten“ von Sebastian Fitzek und Michael Tsokos ist der neueste Thriller aus der Feder der beiden, jeder auf seinem Fachgebiet – Experten.

Der vorliegende Roman „Abgeschnitten“ unterscheidet sich im Grunde von vielen anderen veröffentlichten Büchern von Sebastian Fitzek. Nicht nur alleine, weil er einen Co-Autor hat, der ihn aus medizinischer, bzw. pathologischer Perspektive unterstützt hat. Nein, der erfahrene Autor greift zwar auf seine altbewährte Struktur zu, doch ist dieser sozialkritischer und wirft dabei eine gerechtfertigte Kritik unseres Rechtssystems auf die Bühne.

Wird „Mord“ als Kapitalverbrechen milder bestraft wie z.B. Betrug, Diebstahl, oder Steuerhinterziehung? Es sind Fragen, mit denen die Autoren den Leser immer wieder konfrontieren. Noch vor dem Prolog werden zwei Urteile gegenübergestellt, die zu Diskussionen führen, zumindest wird der aufmerksame und nicht unsensible Leser zum Nachdenken animiert.

Trotzdem ist dieser Roman ein Thriller, ein Unterhaltungsroman und er wird seine Leser davon abhalten, sich auf irgendetwas anderes zu konzentrieren, als auf die Story. Diese ist gegliedert in einzelne, aber überschaubare Nebengeschichten, die wie ein Puzzle später, eine Einheit – ein Motiv zeigen.

Das Tempo ist in wahrstem Sinne des Wortes „mörderisch“, die Spannung allgegenwärtig und der Roman liest sich so gut, als würde man gebannt einen Film schauen. Mit psychologischer Raffinesse gelingt es den Autoren eine Story zu konstruieren, denen man sich nicht entziehen kann. Alleine schon aus dem Grund, weil die Hauptperson, der Rechtsmediziner Paul Herzfeld unzähligen Hinweisen folgen muss und wie Hänsel via Brotkrumen seine Gretel – seine Tochter finden muss, die entführt wurde. Nicht minder spannend, sind die Ängste der noch recht jungen Linda, die auf Helgoland ihre traumatischen Erlebnisse mit ihren Ex-Freund, der sie scheinbar noch immer bedroht, verarbeiten möchte.

Aus Film und Fernsehen kennt man schon viel Rechtsmediziner, die in der Pathologie an der Leiche eines Opfers die Todesursache ermitteln. In „Abgeschnitten“ und das ist Michael Tsokos zu verdanken, wird kühl, sachlich und nüchtern, eine Obduktion durchgeführt, die weder dramatisiert noch unrealistisch über die Seiten erzählt wird. Doch auch ohne diese Dramatik ist es interessant und vor allem spannend erzählt. Die quasi durchgeführten Schritte einer Obduktion die Linda per Telefon an der Leiche befolgen muss, sind detailliert geschildert und kombiniert mit der Vorsicht, dem Ekel, aber auch der Faszination Lindas höchst spektakulär.

Die Autoren spielen mit den Ängsten ihrer Protagonisten Schach, jeder Schritt oder auch das nicht beachten eines Hinweises, zieht Reaktionen auf sich. Zug für Zug entwickelt sich die Story, bis der oder die Täter oder das oder die Opfer schachmatt und aus dem Spiel sind.

Die Stärke der Autoren sind vor allem die überwiegenden, realistischen Momente, in denen die Protagonisten katapultiert werden.  Der Leser, wird unterschwellig motiviert sich selbst Gedanken und Vermutungen über den Tathergang zu machen, auch wenn man immer wieder böse zu einer gezwungenen Kehrtwendung aufgefordert wird.

Die Dialoge der Protagonisten konzentrieren sich ebenso auf das Wesentliche. Die Autoren konzentrieren sich auf ihre Spannung und verlassen sich nicht darauf den Leser abzulenken und auch jeder scheinbar unwichtiger Punkt hat dennoch seine Bedeutung.

Fazit

 „Abgeschnitten“ gleicht einer hellen Explosion in dunkler Nacht.

Der Leser lebt und leidet mit, denn nicht nur körperliche Schmerzen, sondern gerade seelische Grausamkeit und Hoffnungslosigkeit denen sich die Charaktere stellen müssen, lassen diese authentisch wirken.

Die Atmosphäre des Buches ist atemberaubend und exzellent. An Kritikpunkten gibt es nicht viel, dass Ende des Romans ist, gut plausibel und ich denke, dass sich die Autoren ein Hintertürchen auflassen, denn die Charaktere, allen voran der Pathologe Paul Herzfeld, sowie sein sympathischer „Assistent“  und ebenso Linda, haben viel Potenzial für neue, faszinierende Geschichten.

„Abgeschnitten“ ist dicker wie Blut und schneller als Wasser“. Unbedingt lesen.

Michael Sterzik





Die Autoren

Sebastian Fitzek wurde 1971 in Berlin geboren. Gleich sein erster Psychothriller "Die Therapie" eroberte die Taschenbuch-Bestsellerliste, wurde als bestes Debüt für den Friedrich-Glauser-Preis nominiert und begeisterte Kritiker wie Leser gleichermaßen. Mit den darauf folgenden Bestsellern "Amokspiel", "Das Kind", "Der Seelenbrecher", "Splitter" und "Der Augensammler" festigte er seinen Ruf als DER deutsche Star des Psychothrillers. Seine Bücher werden in über zwanzig Sprachen übersetzt. Als einer der wenigen deutschen Thrillerautoren erscheint Sebastian Fitzek auch in den USA und England, der Heimat des Spannungsromans.

Michael Tsokos, geboren 1967 in Kiel, ist Professor für Rechtsmedizin an der Berliner Charité. Er leitet das Institut für Rechtsmedizin der Charité und das Landesinstitut für gerichtliche und soziale Medizin in Berlin.
Er ist der bekannteste deutsche Rechtsmediziner und regelmäßig als Experte im In- und Ausland tätig, beispielsweise für die UN zur Identifizierung ziviler Opfer in Kriegsgebieten.
Seine spektakulären Fallsammlungen "Dem Tod auf der Spur" und "Der Totenleser" wurden 2009 und 2010 zu Bestsellern und hielten sich monatelang auf der Spiegel-Online-Bestsellerliste.




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