Sonntag, 3. Juli 2011

Gargoyle - Andrew Davidson


Gargoyle – Andrew Davidson

„Ab und an erteilt das Unheil den Arglosen gewaltsamen wie die Liebe“

Kann Liebe die Ozeane der Zeit überwinden und sich über ein Leben hinaus weiterentwickeln? Ja, welch eine abstruse Frage, oder vielleicht doch nicht?!
In vielen romantischen Büchern und Filmen ist davon die Rede, dass der Tod einer vollkommenen Liebe nichts entgegenzusetzen vermag, und Liebende sich im Jenseits wiederfinden!? Bei Menschen die mit beiden Beinen fest im Leben stehen und sich keinerlei Gedanken darüber machen, dass Gesundheit etwas sehr wertvolles ist, schlägt das Schicksal manchmal gnadenlos zu. Und das mit einer Schmerzhaftigkeit, dass es uns leider erst zu spät auffällt, wie schön und vor allem kurz das Leben sein kann. Überlebt man solch einen schicksalshaften Niederschlag, so sieht der ehemals naive und nun geläuterte Mensch, sein Leben zumeist aus einer ganz anderen Perspektive.

Der kanadische Autor Andrew Davidson hat mit seinem Debütroman „Gargoyle“ (Wasserspeier) die Bestsellerlisten erobert. Dem Titel nach erwartet man hier vielleicht eher einen Roman aus dem Genre Fantasy, aber weit gefehlt. Mit „Gargoyle“ ist ihm eine wundervolle, romantische und sehr tiefsinnige Geschichte gelungen.

Inhalt

An einem Karfreitag fährt ein Mann mit zu viel Kokain und Alkohol im Blut eine kurvige Straße entlang. Er unterschätzt seine gedämpften Reflexe und den steilen Berghang zu seiner linken, in einer Art Vision oder eher seiner Drogenparanoia sieht er aus dem Wald zu seiner rechten, einen Hagel von brennenden Pfeilen die auf ihn abgeschossen werden. Zuvor allerdings tränkt sich der Fahrer mit einem hochprozentigen Bourbon seine Hose, er reißt das Lenkrad herum, durchbricht die Leitplanke und stürzt in die Schlucht.

Der Wagen fängt sofort nach dem Aufschlag Feuer, der vergossene Bourbon ist ein Brandbeschleuniger und der verletzte, eingeschlossene Mann, noch bei vollem Bewusstsein, droht zu verbrennen. Glück im Unglück  - der Wagen rutscht noch ein wenig weiter und landet in einem Gebirgsbach, der ihm wohl sein Leben rettet.

Als er im Krankenhaus wieder aufwacht ist ihm zuerst klar das den Unfall überlebt hat. Doch seine Verbrennungen sind so schwer und schmerzvoll, dass er für immer gezeichnet ist. Sein Kopf, seine Brust, Rücken und Beine sind aufs schwerste verbrannt. Damit ist seine Karriere als Pornodarsteller und erfolgreicher Produzent beendet. Sein schöner Körper, sein bestes Stück sind durchs Fegefeuer gefahren und er wird nie wieder vor oder hinter der Kamera stehen können. Sein „Lebenswerk“, sein Beruf auf immer verloren. Unter schmerzstillenden Mitteln und mit Hilfe und Unterstützung auf seiner Station für Schwerstverbrannte, verliert er den Mut weiter Leben zu wollen. Zynisch plant er schon seinen perfekten Selbstmord wenn er eines Tages aus dem Krankenhaus entlassen werden sollte. Seine Rekonvaleszenz die noch Wochen, oder gar Monatelang andauern wird, betrachtet und beschreibt er mit einer Menge Wut und Schmerz auf sich selbst.

Eines Tages taucht an seinem Bett eine mysteriöse Frau an seinem Bett auf und sagt: „Das ist jetzt das dritte Mal das Du verbrannt wurdest!“ Kurz danach flüstert sie ihm das Wort „Engelthal“ zu, und fragt ob er sich nicht an damals erinnern könnte?!
Die Frau die keineswegs verwirrt wirkt und Marianne Engel heißt, ist zugleich eine begnadete Bildhauerin und eine psychiatrische Patienten die allerdings nicht stationär behandelt wird.

Bei weiteren Besuchen erzählt Marianne Engel ihn, dass sie sich schon seit 700 Jahren kennen würden. Damals war er ein Söldner und sie eine Nonne im mittelalterlichen Deutschland. Skurril und verwirrend erzählt sie ihm Erlebnisse aus ihrer Vergangenheit, und das mit einer Überzeugungskraft die erschreckend realistisch klingen.

Nach und nach erholt sich der Patient und die dunklen Gedanken um Selbstmord verflüchtigen sich. Die Geschichten der etwas schrägen Marianne Engel sind unterhaltsam und doch weiß sie viel mehr, als sie zu diesem Zeitpunkt zugeben möchte. Auch die Narbe auf seiner Brust, die er seit seiner Geburt trägt und die nicht von einer Verletzung herführt, scheint ihr vertraut zu sein. Auf dem Wege der Besserung überzeugt Marianne ihn bei ihr zu wohnen, damit sie ihn pflegen kann...beiläufig erwähnt sie dann, das sie ihn ihr letztes Herz versprochen hat....

Kritik

Es gibt Bücher, Geschichten die man nicht mehr vergessen kann, und die einen noch Jahrelang in positiver Erinnerung bleiben. „Gargoyle“ von Andrew Davidson ist so ein Roman. Die Geschichte beginnt so, als würde man einen kleinen Stein in einem See schmeißen, die Wellen breiten sich langsam aber unerbittlich aus und sind um ein vielfaches größer, als dieser so kleine, unauffällige Kiesel.

In welchem Genre siedelt man „Gargoyle“ ein? Kein Werk der Fantasy verwandtschaftlich nahe kommt, auch kein Thriller, vielleicht phasenweise ein historischer Roman, aber dem größten Raum und vor allem Zeit, nimmt diese mystische und sehr, sehr romantische Liebesgeschichte ein.

Die Geschichte um den namenlosen verbrannten Hauptdarsteller und seiner, schönen wie auch schrägen Marianne Engel ist voller Symbolik. Wie ein Phönix au der Asche, oder wie eine Larve aus der ein wunderschöner Schmetterling entsteht, entpuppt sich Hauptprotagonist. Das hier Wort- und Gedankenspiele entstehen ist vom Autor wissentlich gewollt. Intelligent und tiefgründig werden hier Parallelen aufgebaut und erzählerische Elemente mit viel philosophischen Geschick eingestreut. Alleine schon der Nachname von Marianne – Engel schließt darauf, dass sie für ihn die Rettung bedeutet. Gleich aus der Hölle des Feuers geboren, wird sie ihn vor Augen führen wie wundervoll und einmalig oder auch mehrmalig die Liebe Zeit und Raum zu überwinden vermag.

Und obgleich jeglicher Romantik gibt es hier auch Passagen die realistisch und vor allem auch grausam erzählt werden. Nüchterne Beschreibungen der Behandlung von schwerstverbrannten und wenige Seiten später, lässt der Autor Marianne Engel Romantische Geschichten erzählen die den Leser aufs tiefste berühren. Gerade diese Nebengeschichten hallen noch lange nach, und das Liebe so vielfältig und schmerzvoll sie auch sein mag, so lebenswert und schön sind, begreift nicht nur unser namensloser verbrannter Patient.

Andrew Davidson beschreibt mit seinem sensiblen und gefühlvollen Stil, Situationen in denen sich Liebende nicht aufgeben, die nicht aufhören zu hoffen und die sich selbst opfern um den Liebenden nahe zu sein.

„Gargolye“ ist so brillant geschrieben, dass es ohne Einschränkungen zu empfehlen ist. Es gibt nur wenige erzählerische Längen im Buch, und auch wenn diese manchmal etwas zu lang erscheinen, so sind dieses Passagen doch ungemein wichtig für die Entwicklung. Neben der Symbolik, werden hier auch Fragen die die  Religion betreffen aufgegriffen, z.B. Reinkarnation, und auch hier gibt es neben der Unterhaltung viel zu lernen.

Die Nebengeschichten in „Gargolye“ sind die romantischen Diamanten in diesem Buch. Egal um es sich um homosexuelle Wikinger handelt, oder einen pestkranken Schmied, einer japanischen Glasbläserin oder eine Nonne die vor Martin Luther damit beginnt die Bibel zu übersetzen. Die Liebe zeigt sich in jeder dieser Geschichten und wirkt wie Amors Pfeil der wie üblich sein Ziel trifft. Auch hier nur ein Wortspiel, diesmal von mir, aber wer „Gargoyle“ schon gelesen hat oder später wird, er wird es dann verstehen wie ich es gemeint habe.

Fazit

„Gargolye“ von Andrew Davidson ist eines der romantischsten Romane die ich je gelesen habe.

Analysiere ich den Titel, dass Wort „Gargoyle“ und manifestiere ich es mit dem Wasserspeiern die uns von Kirchen und imposanten Kathedralen beobachten, so sind „Gargoyls“ unverwundbar, haben evtl. ein Herz aus Stein und sind für die Ewigkeit bestimmt.

„Gargoyle“ ist ein Roman der ein romantisches Echo besitzt, ein Roman der wundervoll erzählt ist, so dass man ihn gerne mit anderen Teilen möchte. Einfach aus der Situation heraus, dass „anders“ nicht schlechter oder besser ist, als andere Romane.

Dennoch „Gargolye“ ist ein Buch das etwas ganz besonderes ist. Romantisch, tiefgründig, auch spannend aber ein Plädoyer für die Liebe in all ihren Facetten.

Michael Sterzik 

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