Samstag, 5. Februar 2011

[Rezension] Die Stadt der verschwundenen Kinder - Caragh O`Brien

Die Stadt der verschwundenen Kinder (Caragh O`Brien)

Die dramatischen Endzeitromane gerade im Genre der Jugendbücher werden immer mehr. Viele dieser Romane thematisieren aktuelle Politische und Kulturelle Probleme, widmen sich aber auch einer Diskussion die deutlich macht wie nahe die Menschheit eigentlich schon am Rande des Abgrundes steht, sollte sie sich hinsichtlich unseres Klimas und unserer Natur nicht den Problemen stellen.

Auch die Amerikanische Autorin Caragh O`Brien lässt unsere Zukunft in ihrem erstem Roman „Die Stadt der verschwundenen Kinder“ rabenschwarz erscheinen.

Inhalt

Die Welt ist unbarmherzig in der die junge, sechzehnjährige Hebamme Gaia aufwächst. In ihrem Dorf Wharfton werden die Lebensmittel, die Kleidung und selbst der Luxus der Unterhaltung durch die Enklave streng rationiert. Die Enklave ist eine kleine Stadt, die geschützt durch eine Mauer, die umliegenden Siedlungen ausschließt. Im Jahre 2390 steht die Menschheit vor ihrem Exodus, nur wenige Menschen finden den Weg durch das Ödland in die Umgebung in der die geheimnisvolle Enklave, dass Paradies zu sein scheint. Doch den „einfachen“ Menschen ist der Zutritt verboten und sie sind abhängig von deren Wohnwollen. Doch dafür ist der Preise kein geringer, sondern eher hoch: Jeden Monat müssen die ersten drei gerade erst geborenen Säuglinge an der Mauer abgegeben werden. Eine Weigerung wird nicht geduldet, gar mit dem Tode bestraft, sollten die Hebammen ihren Dienst nicht pflichtgemäß erfüllen.

Gaias Mutter ist wie sie auch eine herausragende und äußerst fähige Hebamme, und als wenig später die Eltern Gaias verhaftet werden, kann die junge Frau gar nicht verstehen welchen Verbrechen sich ihre einfachen Eltern zu verantworten haben!?

Ihr Entschluss ihre Eltern in der Enklave zu suchen und evtl. zu befreien, wird nicht nur ihr ganzes Leben verändern, denn auch dies- und jenseits der Mauer werden die Antworten auf alle unausgesprochenen Fragen eine passende Antwort finden...

Kritik

Caragh O`Brien erzählt ihre Geschichte aus der Perspektive der jungen Hebamme Gaia die einer archaisch organsierten Welt aufwächst. Ihre Welt sowie ihr Leben ist beschränkt, sie kennt es nicht anders und trotzdem besitzt sie den Mut nach Antworten zu suchen, die sie evtl. noch gar nicht zu begreifen vermag.

Schauplatz dieser Geschichte ist das Jahr 2390 und damit unternimmt die Autorin einen großen Schritt in die Zukunft. Leider wird der Leser hier mit seinen Vermutungen ziemlich im dunklen gelassen!? Was in den letzten drei Jahrhunderten passiert ist, wie sich die Zivilisation fast vernichten konnte, bzw. was der Auslöser dazu war und die Überlebenden ihre Existenz retten konnte, bleibt im dunkeln.

Ohne wirklich der Handlung optimistische Entfaltung zu geben, vermittelt die Autorin doch durch ihrer Figur der jungen Gaia Hoffnung. Das die Kultur der Menschen sich ihren eigenen Weg sucht, ohne auf moralische und ethische Gründe Rücksicht zu nehmen schildert die Autorin anschaulich und realistisch. In der Epoche in der der Roman spielt, werden die Notwendigen Werte und Normen eine ganz andere Gewichtung darstellen. Immer wieder wird der Leser in diesem Zukunftsszenario geradezu gedrängt die notwendigen Handlungen nachzuvollziehen.

Caragh O`Brien schildert die Menschen innerhalb der Enklave als gewissenslose Kreaturen die ihre Menschlichkeit verloren haben. Die Mächtigen dieser Stadt haben das Schicksal ihrer Einwohner in der Hand und haben Gründe wenn ihre Handlungen eher funktional und rational ausfallen. Die Ressourcen sind knapp, technischer Luxus auf das notwendigste beschränkt, jedenfalls das was noch vorhanden ist. Hier geht nicht primär um fehlender Emotionslosigkeit oder Mitgefühl. Das Leben ist kostbar und dies gilt es mit allen Mitteln und Verwertungsalternativen zu sichern.

Damit kommt die Autorin schon zum wesentlichen Grund, sozusagen ihrer Kernbotschaft die zugleich der Hauptkonflikt in dem vorliegenden Roman ist. “Das Wohl und Überleben der Allgemeinheit gegenüber dem einzelnen. Pro und Kontra auf der Waage die das Überleben sichern sollen und diese Situation ist viel schwerer in Einklang zu bringen, als Schwächere zu stützen und Stärkere nicht zu verletzen.

In „Die Stadt der verschwundenen Kinder“ überreizt die Autorin leider genau diese ethischen und moralischen Entscheidungen, Überlegungen und lässt ihre Handlung auf einen schmalen Grad zwischen Gut und Böse laufen. Viele Dialoge nehmen der Handlung den Raum für eine aufbauende Spannung die sich selbst streckenweise erst mal gar nicht erst zeigt. Caragh O`Brien überschätzt sich und vergaloppiert sich in viel zu vielen ethischen und moralischen Problemen die sie im Grunde lieber neutral als wertend interpretieren möchte.

Ihre Protagonistin Gaia ist eine “Einzelkämpferin“ in ihrem Roman, die viel zu schnell und nicht realistisch über sich hinauswächst. Ihr Charakter ist zu gradlinig und ohne Ecken und Kanten entworfen, zudem noch recht langweilig geschildert.

Die “Lösung“ der verschwundenen Kinder ist genauso einfach erklärt. Bei einer beschränkten Anzahl von Menschen auf noch eingeschränkteren Raum die sich zeitlich dazu noch räumlich gar nicht fortbewegen, ist es im Grunde sehr schnell klar, dass die “Kinder“ die familiären Lücken in der Enklave füllen müssen. Erb- und ebene genetische Krankheiten und Defekte dezimieren die Einwohner der Stadt und können das Überleben dieser kleinen Gemeinschaft nicht garantieren. Womit wir wieder beim Grundtenor angekommen sind: Der Dringlichkeit und Notwendigkeit Entscheidungen fällen zu müssen, bei denen auch „Menschen“ nicht überleben.

Langatmig und ohne eine dramatische Atmosphäre hat der Roman solche immensen Längen, dass sich das Interesse deutlich in Grenzen hält. Viele Szenen bzw. Ideen sind im Grunde schon alle mal in anderen Romanen oder Filmen angerissen und hinken mit der Spannung derart hinterher, dass auch die wirklich zu lobenden Botschaften der Autorin den Leser nicht erreichen.

Fazit

“Die Stadt der verschwundenen Kinder“ ist ein in sich abgeschlossener Roman, der aber unter Anstrengungen der Autorin fortgesetzt werden könnte. Allerdings benötigt man hier eine dichte Atmosphäre, verschiedene Handlungen die Abwechslung bieten und zudem noch Charaktere die nicht so eindimensional konzipiert sind.
Für mich selbst würde auch der zweite Teil, sollte es einen geben, nicht von Interesse sein.

Weder in der thematischen Spannung noch der Zeichnung der Figuren konnte mich das Buch “Die Stadt der verschwundenen Kinder“ nicht überzeugen.

Michael Sterzik

Autorin

Caragh O'Brien ist eine amerikanische Schriftstellerin, die in Minnesota aufwuchs. Sie studierte Literatur und Kreatives Schreiben, anschließend begann sie in einer High School als Lehrerin zu unterrichten. Sie lebt mit ihrem Mann, mit dem sie drei Kinder hat, in Connecticut. Mit Die Stadt der verschwundenen Kinder schrieb Caragh O'Brien ihr erstes Jugendbuch. In Deutschland erschien das Buch am 28. Januar 2011.









 

Originaltitel: Birthmarked
Originalverlag: Roaring Brook Press
Aus dem Amerikanischen von Oliver Plaschka
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 464 Seiten,
ISBN: 978-3-453-52800-0

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