Freitag, 30. April 2010

Abgründe - Wenn Menschen zu Mördern werden (Josef Wilfing)



Abgründe – Josef Wilfing

Josef Wilfing ging letztes Jahr – 2009 nach 42 Jahren des aktiven Polizeidienstes in Pension. 22 Jahre davon arbeitete er und leitete die Münchner Mordkommission und klärte die prominenten Mordfälle von Walter Sedlmayr und den Modezar Moshammer auf. Er gilt als erfahrener und sehr erfolgreicher Spezialist bei Vernehmungen von Opfern, Zeugen und Tätern.

Im Heyne Verlag ist nun sein erstes Buch „Abgründe – Wenn Menschen zu Mördern werden“ erschienen.

Inhalt

Schon im Vorwort des Autors und ehemaligen Ermittler wird dem Leser deutlich wie sehr Josef Wilfing seinen „Job“ geliebt hat, es war mehr als nur die tägliche Arbeit, es war seine Bestimmung Menschen zu überführen, die aus den ganz verschiedensten Gründen ihre Hemmungen und die Grenze der Menschlichkeit überspringen und zu berechnenden und (oder) kaltblütigen Mördern werden können.
Angelehnt an die „7 Todsünden“ (Hochmut, Habgier, Neid, Zorn, Wollust, Völlerei, Trägheit) erzählt der Kommissar nicht nur über seine Erfolge bei den manchmal strapaziösen und zeitintensiven Ermittlungen, sondern auch über seine persönlichen Fehlern, und den Opfern.

So spannend und manchmal auch abgründig grausam ein Krimi sein kann, so ist es doch das Leben das immer wieder die spannendsten und leider auch realistischen Tragödien und Dramen wiedergibt.

So obskur und manchmal nicht zu glauben oder zu begreifen schildert Wilfing Tathergänge, die Motivation des Täters oder der Täter, die Feinheiten des Zuhörens bei Verhören, bei dem man sich jegliche Moral besser sparen sollte, und sich gänzlich an den bestehen Fakten und Indizien orientiert. Der Autor Wilfing entnimmt aus dem Fundus seiner Erfahrungen die Fälle die ihn mit am meisten geprägt haben und die sicherlich überwiegend intensiv sich immer und immer wieder in seinem Kopf abspielen. Das hier schnell der Eindruck entsteht das ein Mordermittler immer auch psychisch auf höchste gefordert wird, und diese Leichen, die traumatisierten Angehörigen die vielleicht ihr Kind zu betrauern haben, oder die Beweggründe von raffinierten Mördern, immer tiefe seelische Spuren hinterlassen Sich verschließen dagegen funktioniert nicht, gerade als Ermittler, so beschreibt der Autor sich selbst, muß man mit dem „Mörder“ denken, wissen was in diesem vorgeht und wie ein Raubtier das auf die Beute wartet in Vernehmungen manchmal blitzschnell reagieren, wenn sich die Chance auftut, dass der Gegner Signale zeigt um sich beichtend den Beamten zu offenbaren. Als Ermittler also ist man neben dem eigenen Beruf gleich noch Psychotherapeut und Sozialarbeiter in eine Person.

Josef Wilfing erzählt zwar kühl und nüchtern, trotzdem werden die Leser über seine Erfahrungen und seine Fälle zweifelsfrei nachdenken. In seiner Laufbahn hat Wilfing viel erlebt, gesehen und menschliche Schicksale und Tragödien, aber auch der Erfolg und die Freude wenn man einen Täter überführen konnte, erlebt und deswegen weiß er wovon er schreibt.

Sein Stil ist prägnant klar und deutlich; kristallklarer kann er nicht mehr sein und zugleich kritisiert er auf den ersten Seiten und im Laufe des Buches, die deutsche Gesetzgebung und das Strafmaß. Hier spricht er sich ganz klar für eine Sicherheitsverwahrung aus und nimmt ein deutlich und überzeugt Stellung zu diesem, gerade auch brisanten Thema. Das „Mord“ zwar eine Gewalttat bleibt die im Grunde und Gesetz bestraft werden muss, davon weicht er nicht ab und hält sich halt ein Fakten, aber wohlweißlich erklärt er in seinen Fällen „warum“ manche Menschen die Barriere übersteigen und zum Mörder werden?! Ist ein „Mord“ entschuldbar, oder gar verständlich, wenn das Opfer ein Sadist war der die Kinder und seine Frau gefoltert, erniedrigt und geschlagen hat? Hier kommt neben dem Verstand, dass Gefühl zum Ausdruck, dem sich auch ein Kriminalbeamter nicht verweigern kann, schließlich ist der Beamte auch ein emotionaler Mensch und nicht nur ein Werkzeug der Gesellschaft und des Staates. Das sich hier der Leser seinen persönlichen Gedanken nicht verwehren kann, ist sicherlich gewollt.

Josef Wilfing beschönigt oder überzeichnet die Grausamkeiten nicht, was ich im höchsten Maße lobenswert finde. Als Kritikpunkt habe ich nur empfunden, dass man nicht so sehr auf die „Angehörigen“ eingegangen ist und deren Situation! Es ist ja zweifelsfrei so, dass man wenn man jemanden getötet hat, nicht nur ein „Opfer“ auf der Strecke bleibt, sondern oftmals eine ganze Familie den Verlust spürt. Welche Grausamkeit und welche psychologischen Schäden solch ein brutaler Eingriff in das tägliche Leben hat, bleibt leider etwas im dunklen. Vielleicht ist es aber auch reiner Selbstschutz des Autors, denn die Geister die man dadurch ruft werden nicht wieder lebendig, sie quälen nur weiter. Trotzdem hätte ich gerne mehr darüber gelesen, was ein Ermittler fühlt, empfindet, woran er denkt, wie lange das anhält und wie er mit solchen Gewalttaten in seinem persönlichen Umfeld umgeht und sicherlich auch welche immense Aufgabe auf den Beamten zukommt, wenn er den gewaltsamen Tod den nächsten Angehörigen möglichst schonend beibringen muss!

Fazit

Alles in allem ist das Buch „Abgründe von Josef Wilfing“ absolut empfehlenswert. Es hält sich an Fakten, driftet nicht ab in fantasievolle Erzählungen und mach sehr deutlich wie „Mörder“ denken, bzw. was deren ausschlaggebendes Motiv sein kann.
Das Thema „Mord“ ist ein solch komplexes Thema mit so vielen unterschiedlichen Perspektiven, dass hoffentlich der „Normalbürger“ in seinen Leben nicht kennenlernen will und wird. Wilfing erzählt seine Erfahrungen aus seiner Perspektive des Ermittlers, nicht des Opfers aber manchmal des Täters. So spektakulär ein guter und durchdachter Krimi auch sein kann, die Wahrheit zu analysieren und zu hinterfragen ist spannender als jeder atemanhaltender Krimi oder Thriller im Kino oder Fernsehen.
„Abgründe – Wenn Menschen zu Mördern werden“ ist ein authentischer Thriller für sich. Eindrucksvoll spannend, kritisch und hinter der Bühne schauend – ein fantastischer und sehr empfehlenswertes Buch das mit einer „Mordserfahrung“ verfasst wurde.

Michael Sterzik


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