Mittwoch, 30. Dezember 2009

Der Bastard von Tolosa - Ulf Schiewe


Der Bastard von Tolosa – Ulf Schiewe

Die Kreuzzüge der christlichen Staaten und ihren Adligen und Monarchen hatten nicht nur und allein Religiöse Ziele. Strategisch wie auch wirtschaftlich waren diese Kriege alles andere erfolgreich, aber darüber kann man sich wohl noch immer streiten. Die Befreiung des Heiligen Landes und die Sicherung des Grabes Christi waren für viele das eigentliche Ziel, gewiss mit dem Hintergedanken die Expansion der muslimischen Staaten einzuschränken. Nachdem 1099 das Kreuzfahrerheer Jerusalem erobert hatte, wurden vier Kreuzfahrerstaaten gegründet – auch genannt Outremer.

Kirchenfürsten wie auch Fürstenhäuser regierten über die Kreuzfahrerfestungen im Heiligen Land und die Gier nach Reichtum und wirtschaftlichen Einfluss drängte sich vor den religiösen Gedanken und den Glauben vom Erlass der Sünde.

„Deus lo vult“ – Gott will es – wie Papst Urban II zu dem Kreuzzug ausrief und zigtausende von Fürsten, Adligen, Abenteuern und einfachen Menschen dem Ruf schnell Folge leisteten, genauso schnell verging der Idealismus der Ritter und der Optimismus. Viele Tausende fanden den Tod, nicht nur auf dem Schlachtfeld, sondern auch der beschwerliche Weg über Land oder über das Meer war schon gefährlich genug, hinzu kamen noch Seuchen und Krankheiten, die die Heere dezimierten und von Glanz und Gloria war bald nicht mehr viel zu hören.

Heroische Vorstellungen und Ideale verblassten unter den Rittern und wer das Glück hatte nach Jahren von Kämpfen, Gräuel und Gewalt wieder europäischen Boden unter den Füssen zu haben, konnte eventuell vor dem Trümmern seines einstigen Lebens stehen. Held hin oder her, übrig blieben den Fürsten und Rittern zurückgekehrt weniger als nichts. Zu groß waren die erlebten Schrecken, zu dämonisch die nächtlichen Träume und Erinnerungen, so dass viele nicht wieder Fuß fassen konnten oder wollten. Nicht selten ging die Ehefrau davon aus, dass ihr Mann verschollen und tot im Heiligen Land begraben war, und sie sich daraufhin einen anderen Gatten suchte, oder der heimgekehrte feststellen musste, dass die Kirche seinen Besitz vereinnahmt hatte!

Der Münchner Autor Ulf Schiewe hat in seinem Debütroman „Der Bastard von Tolosa“ die Kreuzzüge, bzw. die Rückkehr eines Kreuzritters eindrucksvoll und packend erzählt.

Inhalt

Jaufrè Montalban, ein provenzalischer Ritter, aus einem kleinem Dorf in Frankreich, ist von den Kreuzzügen im Heiligen Land desillusioniert und kriegsmüde. Zuviel an Schrecken und Blutvergießen haben den Gefolgsmann des einäugigen Fürsten Raimund von Toulouse in 14 Jahren Kriegsdienst jeglichen Idealismus genommen.

Das Heilige Land von den Ungläubigen zu befreien, dass war die Motivation von Jaufrè, doch ist überdrüssig und angewidert von der Machtgier der Fürsten und Priestern die nur ihren persönlichen Vorteil vor Augen haben, und dafür gewillt sind durch Mord und Verrat an Einfluss zu gewinnen. Der Kreuzzug ist nur das Mittel zum Zweck. Aber auch Jaufrè ist durch seinen Kriegsdienst reicher geworden und hat sich als Kastellan einen Namen unter der Kreuzfahrern in der Festung des Grafen Bertran von Tolosa und Tripolis gemacht. In den wirren der Kämpfe konnte er vor Jahren eine christliche Frau retten, und später auch mit ihr seine Liebe finden, aus der eine gemeinsame Tochter entsprang, doch das jahrelange Glück wird zerstört. Als seine armenische, schöne Frau von Feinden massakriert wird und sich nur seine elfjährige Tochter Adela retten kann, ist der Zeitpunkt für den ritterlichen Edelmann gekommen das Heilige Land zu verlassen um nach Hause zu reisen.

Aus seinem Dienst ehrenvoll entlassen, aber mit dem Auftrag seines ehemaligen Lehnsherren Graf Bertran reist Jaufrè zusammen mit seinem arabischen Freund und Kampfgefährten Hamid nach Rocafort. Dort erwartet ihn ,seinen Erinnerungen nach, noch immer seine eigene Burg, mit Land und Besitz auf dem er sich mit seiner Tochter zur Ruhe setzen kann und die Schrecken des Krieges vergessen kann.

Doch in Rocafort angekommen findet Jaufrè noch immer nicht seinen langersehnten Frieden. Seit Jahren für Tot gehalten und geglaubt muß Jaufrè feststellen das sich seine Gemahlin Berta und seine beiden Söhne von ihm abwenden und ihm keine Gelegenheit geben, seine eigene Burg wieder in Besitz zu nehmen. Die resolute Berta ist alles andere wie erfreut, denn seit Jahren hat sie niemals auch ein Lebenszeichen ihres Gatten bekommen und musste Land und Burg selbst verwalten, die inzwischen dazu noch hoch verschuldet sind.

Sein Onkel und auch einige seiner Freunde wie auch Feinde sprechen von seiner Herkunft und einer Verantwortung und deuten immer wieder mit einigen Anmerkungen auf etwas hin, was Jaufrè nicht interpretieren kann und ihn stutzen lässt: Wieso gibt sein Onkel und Erzbischof Jaufrè den Rat sich militärisch zu rüsten?

Die Situation spitzt sich zu, als seiner Gemahlin von einen benachbarten Fürsten ein Heiratsantrag gemacht wird und dieser Jaufrè per Urkunde Land und Burg nehmen möchte, wenn notfalls auch unter Anwendung von Gewalt. Entgegen aller Hoffnungen muß Jaufrè erneut das Schwert ziehen....

Kritik

„Der Bastard von Tolosa“ von Ulf Schiewe ist ein großartiger historischer Roman mit einer dichten, atmosphärisch spannenden erzählten Geschichte. Das der vorliegende Roman das Debüt von Herrn Schiewe ist, kann man kaum glauben, denn so intensiv wie er die Geschichte um Jaufrè erzählt, denkt man daran das der Autor in seinem Fach schon längst ein alter professioneller Hase ist.

Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive Jaufrès ca. 15 Jahre nach der eigentlichen Handlung. Jaufrè erzählt die Erlebnisse im Heiligen Land und die Ereignisse in seiner eigentlichen Heimat Rocafort einen jungen Priester, und weiht den jungen Mann in seine Familiengeschichte ein. Allerdings nimmt er diesen auch den Schwur ab, die intimen Geheimnisse seiner Herkunft zu achten und zu ehren.

Das Ulf Schiewe diese Form von Erzählung nimmt, ist bei einem historischen Roman nichts neues, und vielleicht werden einige Leser sagen; dadurch das Jaufrè offensichtlich „überlebt“ hat, nimmt das der Story die Spannung. Weit gefehlt, denn in „Der Bastard von Tolosa“ ist der Weg das Ziel. Die Story wird eingeleitet durch seinen Dienst im „Heiligen Land“, auch hier gelingt es dem Autor die Kreuzzüge und deren religiösen und wirtschaftliche Motivation deutlich hervorzuheben. Die Fürsten und Priester mit ihren heldenhaften Parolen und ihrer Politik die nur darauf abzielt, die eigenen Taschen möglichst schnell mit viel Gold zu füllen, fehlen hier nicht. Jaufrè wird in diesem Kapiteln realistisch geschildert; als einfacher und junger Edelmann der vor der eigenen Verantwortung für sich und andere gen Osten entflieht und Jahr später trotzdem von seiner eigenen Vergangenheit quasi überholt und überrollt wird. Wie vielen realen Persönlichkeiten wird es wohl ebenso ergangen sein. Ulf Schiewes Verstehen was die heroisierende Ritterlichkeit ohne Furcht und Tadel angeht wird schnell allen Illusionen beraubt, was übrigbleibt ist das nackte Überleben und dem Verständnis das die Kreuzzüge gemeingefährlicher Blödsinn waren.

All das findet der Leser immer wieder zwischen den Zeilen , wenn Jaufrès Erzählungen lauscht die vom Schrecken und der Grausamkeit gegenüber der Einheimischen Bevölkerung erzählen.

Im Hauptteil wird der Leser mit der Heimkehr und den Schwierigkeiten auf Jaufrès Burg und Besitz konfrontiert und auch dieser Teil ist realistisch erzählt. Wie viele Ritter sind nach Jahren vielleicht auch an Körper und Geist verkrüppelt in der Heimat angelangt, und haben nichts mehr von dem vorgefunden, was ihnen an Erinnerungen oder Besitz gehört hatte?! Ähnlich wie die Soldaten in der heutigen Gegenwart waren sie traumatisiert und nicht wenige verlieren auch ihre Menschlichkeit oder ihre sozialen Bindungen.

Doch auch die gesellschaftliche Rolle der Frau im Mittelalter kommt zur Sprache und ebenso die soziale Verantwortung gegenüber anderen auf ihren Besitz. Die Frauen waren damals mit Sicherheit nicht die überwiegenden edlen Burgfräulein, sondern eher die resoluten und anpackenden Damen die keine Scheu kannten, die verwalten, regelten, kontrollieren, Fehden und Bedrohungen ankämpften und die Rolle des Mannes einnahmen der sich vielleicht mal wieder Hoch zu Ross und gepanzert mit Schwert und Speer auf dem Schlachtfeld für seinen Lehnsherren oder Fürsten wiederfand. Diese Rolle übernimmt in „Der Bastard von Tolosa“ die ziemliche selbstbewusste Berta, die eigentliche Gemahlin des für tot geglaubten Jafrè.

Nicht ohne Humor erzählt der Autor die ersten Begegnungen zwischen Berta und Jafrè, und der Leser wird mit Sicherheit fast so laut auflachen wie Jafrès Freund der Araber Hamid.

„Der Bastard von Tolosa“ ist spannend und abwechslungsreich. In der Geschichte deren Spannungsbogen sich immer weiter aufbaut, wird der Leser die Protagonisten schnell kennen- und lieben lernen. Gut konzipiert und mit Auge fürs Detail sind die Haupt- und Nebenfiguren an Zahl überschaubar. Packend erzählt Ulf Schiewe von harten und brutalen Kämpfen, menschlichen Verlusten, Siegen wie auch traurigen Niederlagen.

Die Sprache des Autors ist klar und rein, es gibt keine inhaltlichen oder logischen Fehler innerhalb der Zeiten und der Handlung. Der Leser wird in eine realistische Welt zur Zeit der Kreuzzüge katapultiert und findet sich wieder inmitten einer atemberaubend, gekonnten Erzählung in der weder etwas beschönigt oder übertrieben wird. Gerade hier, muss man dem Autor Respekt zollen, denn seine Recherchearbeit ist absolut zu würdigen.

Fazit

„Der Bastard von Tolosa“ ist der historische Newcomer in dem Genre und absolut empfehlenswert. Bemerkenswerter Sinn für Spannung und Realismus bieten mehr wie unterhaltsame Stunden und im nachhinein wird es einige Leser geben, die mehr über diese grausame wie auch interessante Epoche wissen möchten.

Neben fabelhafter Unterhaltung bietet der Roman eindruckvolles Hintergrundwissen, was leider bei historischen Romanen immer seltener wird.

Ulf Schiewe wird sich mit seinem Debütroman unter den vielen, vielen nicht mehr zu überschaubaren Autoren, schnell einen Namen machen.

„Prädikat Platin“ und ich hoffe doch sehr mehr historisches von Herrn Schiewe zu lesen, auch wenn die Erwartungshaltung bei seinen nächsten Projekt sicherlich sehr hoch sein könnte.

Michael Sterzik





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