Sonntag, 28. Juni 2009

Terror - Dan Simmons

Viele Expeditionen ins ewige Eis sind zu Tragödien geworden. Oftmals unterschätzten die Leiter dieser Unternehmungen den weißen, eisigen Tod durch Schnee, Eis und Kälte und bezahlten dafür mit ihren Leben. Man wusste um 1845 nicht wirklich viel von der Arktis und ihren menschenfeindlichen Temperaturen und Gefahren. Doch das Ziel die legendäre Nordwestpassage als erster zu finden um sich als Entdecker einen unsterblichen Namen zu machen, lässt viele auch sehr offensichtliche Erfahrungen und Warnungen ignorant hinten anstehen. Unüberwindlich erschien der freie Seeweg bisher, der eine Straße durch das Eis der Arktis in den Pazifischen Ozean prophezeite.

Großbritannien und seine Royal Navy hatten nicht nur hervorragende Kriegs- und Handelschiffe, sondern auch erfahrene Kapitäne und Offiziere, die die Seewege und das Meer kannten. Viele Logbücher früherer Expeditionen sind bleibende und ausführliche Zeugen und geben Aufschluss auf persönliche Leistungen und auch Fehlentscheidungen. Doch von manchen Expeditionen hat man nie wieder etwas gehört oder gesehen. Ganze Schiffe und deren Besatzung blieben im ewiges Eis der Arktis, und spätere Rettungsaktionen fanden nicht viel an Gegenständen oder gar Leichen verstorbener Seeleute.

Dan Simmons hat das Schicksal der Expedition um Sir John Franklin, einen hochdekorierten Offizier der Royal Navy aufgegriffen, der mit den Schiffen „Terror“ und „Eberus und 131 Männern Besatzung in die Arktis aufgebrochen ist, um die Nordwestpassage zu finden. Sie verschwanden fast spurlos. Dies ist ihre Geschichte.

Inhalt

England, 1845. Die Royal Navy plant eine Expedition in die Arktis unter der Leitung des erfahrenen Sir John Franklin. In der Vergangenheit hat man kleinere Erfolge mit der Erforschung der Arktis erzielen können, doch auch auf diverse minderschwere Katastrophen kann man zurückblicken. Doch die Suche nach einer legendären Nordwestpassage die eine Seefahrt zwischen Europa und Asien ermöglichen könnte treibt den schon älteren John Franklin an. Er kann auf Erfahrungen zurückblicken, schließlich hat er schon mehrfach die polaren Regionen für das britische Empire erkundet. Sein Ehrgeiz ist berühmt und er sieht sich selbst als Genie, ein mutiger Eroberer und Forscher und ein fehlerloser Offizier.

Diesmal hat man auf langer Sicht alles bin ins letzte Detail geplant. Die Schiffe Eberus und Terror, ehemalige Kriegsschiffe sind ausgestattet mit den modernsten nautischen Instrumenten. Die äußere Hülle der beiden Segelschiffe sind verkleidet mit dicken Eisenplatten die unter den Eichenstämmen befestigt sind, um so den Packeis mehr Widerstand bieten zu können. Hinzu kommen noch Heißwasserheizungen und wenn es nötig sein sollte, so werden die Schiffe von Dampfmaschinen angetrieben. Die Vorräte sind auf ca. sieben Jahre hin geplant, eine bislang außergewöhnliche Zeitspanne und erstmals gibt es „Konserven“ die platzsparend und günstig zu tausenden eingekauft wurden.

An alles wurde gedacht endlich der Natur zu zeigen, dass der Mensch überlegen ist und auch das ewige Eis den Ehrgeiz von Entdeckern nichts entgegenversetzen vermag. Doch es gibt in der britischen Navy auch kritische Stimmen von anderen erfahrenen Kommandeuren; Sir John Franklin überhört Ratschläge und Warnungen und begibt sich am 19. Mai 1845 auf die Reise ohne Wiederkehr. Die arktische Inselwelt ist tückisch und erweist sich als schwerer als angenommen. Die Temperaturen sinken immer weiter, bis weit jenseits der -30°, die Stimmung an Bord der beiden Schiffe ist ebenfalls im Begriff zu sinken und schließlich nach knapp einen Jahr nach Beginn der Expedition schließt das Packeis die Terror und die Erebus hoffnungslos ein.

Die Eiswüste ist unerbittlich und alptraumhaft, die Offiziere und die Besatzungen stellen sich darauf ein, überwintern zu müssen, mit der Hoffnung, dass die Sommermonate die Gelegenheit ergeben, die Fahrt fortzusetzen. Die nächsten Monate lassen jeden Gedanken an Hoffnung sterben. Das Packeis und Schnee umschließt die beiden stolzen Schiffe und an eine Rettung durch die Navy ist nicht zu denken, da die Nahrungsvorräte auf Jahre berechnet reichen.

Plötzlich taucht aus dem Eis ein riesiges Monster auf. Der unwirtlichen Umwelt perfekt angepasst, bricht es mordend durch die Reihen der Besatzungen. Ist es ein Eisbär der in dieser Region keine Nahrung mehr findet? Die Offiziere und Besatzungen bewaffnen sich und bauen die beiden Schiffe die etwas auseinander liegend zu Festungen aus, doch die Kreatur erweist sich als erschreckend einfallsreich und intelligent, so das weitere Matrosen, Soldaten und auch Offiziere brutal abgeschlachtet werden.

Gefangen in der Ewigkeit des Eises verwandeln sich die Schiffe zu Inseln die mit allen zu stehenden Mitteln verteidigt und am Leben erhalten werden, doch wenig später müssen die Männer erkennen, dass die Schiffe unter der Gewalt des Eises zerbrechen werden. Erschöpft und verzweifelt bilden sich einzelne Lager unter den Überlebenden Seeleuten die nach Auswegen und Lösungen suchen. Die Kälte, der Hunger und auch Krankheiten dezimieren die Mannschaft und ihre Möglichkeiten die Schiffe vom Eis zu befreien. Als der Entschluss fällt, die Schiffe aufzugeben um mildere Regionen zu erreichen und vielleicht von Walfängern bemerkt zu werden, beginnen weitere unmenschliche Strapazen. Die Kreatur folgt den Zug Schritt auf Schritt und tötet weiter unter der Erschöpften, verzweifelten Menschen. Es gibt kein Entrinnen und der Weg der Flüchtenden zeugt ein Weg von Leichen..

Kritik

Diese Tragödie die der Autor Dan Simmons in seinen Roman „Terror“ erzählt ist ein historisches voller Rätsel, Mythen und Legenden. Die Franklin-Expedition gehörte um 1845 zu den von Medien umworbensten Ereignissen, gleichwohl weil die Besatzung spurlos verschwand. Sir John Franklin gehörte zur privilegierten Gesellschaft des englischen Adels und der Gesellschaft und seine Gattin sammelte viel Geld für die Rettung ihres verschollenen Mannes, auch über viele Jahre hinweg.

Tatsächlich fanden Rettungsexpeditionen einige Spuren die verwirrend waren. Ein Rettungsboot mit zwei Skeletten, und einigen luxuriösen Gegenständen der Terror, doch auch Indizien für Kannibalismus. Rätsel über Rätsel die Fragen aufwerfen, die auch heute noch nicht hinreichend geklärt werden konnten.

Dan Simmons beschäftigte sich konzentriert mit der Thematik dieser Tragödie. Über fast 1000 Seiten hat er die letzten Zeugnisse, die Spuren der Toten und ihren Hinterlassenschaften, in einem Roman arrangiert der das Drama besser erfasst als vielleicht viele einzelne Sachbücher. „Terror“ ist nicht nur der Name des Romans, ist auch der Schiffsname und steht sicherlich auch für die Bedrohungen durch die Eiswüste.

Dan Simmons schreibt so atmosphärisch dicht und packend, wie ich es nur selten erleben durfte. Seine beispielhaften Beschreibungen der Kälte sind realistisch und brutal schlicht geschildert. „Es ist kalt, sehr kalt: „Nach drei oder vier Stunden in dieser Kälte können Zähne auseinander brechen und zwischen den zusammengepressten Kiefern regelrecht in Splitter aus Schmelz und Knochen zerspringen.“ Wo die bloße Haut Metall berührt, friert sich augenblicklich daran fest. Es ist trotz des Eises und Schnees dunkel und Männer verschwinden einfach in dieser Dunkelheit. Wenn wir sie Stunden später finden, erkennt man, dass zwei halbe Männer keinen ganzen ergeben.

Solche Schilderungen schüren kontinuierlich die Spannung und steigern sie immer wieder. Es gibt viele Schrecknisse im ewigen Eis; die Kälte, dass Knirschen und die Bewegungen des Packeises, der Hunger und auch die Krankheiten die ihre Opfer finden.

Die Absurdität dieser Expedition macht Dan Simmons fortwährend sichtbar. Katastrophen geben sich die Hand, mit reifer Unterstützung von menschlichen Fehlverhalten. Der Tod ist allgegenwärtig und gnadenlos, zu spät erkennt man die Fehler und Versäumnisse. Schlimmer als die dämonische Kreatur, ist der Verfall der Männer an Bord der Erebnus und der Terror. Es gibt kein Gemüse, kein Obst und der Skorbut, eine Mangelerkrankung ist nicht mehr einzudämmen. Woher frisches Fleisch nehmen? In der Arktis jagen ist nicht einfach und die Männer haben keinerlei Erfahrungen wie man in diesen Regionen jagt und fischt. Langsam wird ihnen selbst klar, dass sie das einzige erreichbare Frischfleisch darstellen.

„Terror“ ist ein Historienroman mit einigen Horror-Elementen. Die Kombination gelingt aber vortrefflich und die Angst hat viele Namen und Gesichter. Terror ist nicht nur von der mordenden Kreatur zu erwarten, sondern auch von den Eingeschlossenen Seeleuten. Der Autor recherchierte gut und hielt sich an historischen Quellen die beweisen wie unzulässig die Expedition eigentlich gewesen ist. Angefangen von der technischen Ausstattung mit den Dampfmaschinen, bis hin zu den Konserven die verderben und Vergiftungen hervorrufen.

Die Kreatur im Eis war nicht nötig um den Schrecken zu beschreiben und die Geschichte leben zu lassen, und auch beim lesen kann man diese manchmal einfach überlesen, es gibt andere Szenen auf der sich der Leser konzentrieren wird.

Fast anderthalb Jahrhunderte später nach der Franklin-Expedition sind einige Fragen gelöst. Zwei Leichen von Seeleuten die „anständig“ vor dem Eingeschlossensein beerdigt wurden, konnten geborgen und untersucht werden. Hinsichtlich der Todesursache die ausschließlich eine Vergiftung war, konnten weitere Rückschlüsse gezogen werden. Doch immer noch bleiben Lücken und viel Raum für Interpretationen, so dass Dan Simmons einige Ideen einstreuen konnte. Wenn wir das Monster vergessen, ist ihm eine grandiose Rekonstruktion der gescheiterten Mission gelungen, die der Wahrheit wahrscheinlich sehr, sehr nahe kommen.

Die Polarforscher waren die Dramatiker in Persona. Simmons beschreibt Fehler und Versäumnisse aus unserer heutigen Sicht, dass sich der Wahnsinn schier multipliziert und am Ende nur den Tod als Ergebnis da steht.

Die Protagonisten sind reichlich vorhanden, so das Dan Simmons die Ereignisse immer aus verschiedenen Perspektiven. Es kommen Offiziere, Schiffärzte, aber auch einfache Matrosen zu Wort die den Schrecken aus ihrer Sicht schildern. Mit ihren Worten wird dem Leser schnell klar, dass der Mensch oftmals der schlimmste Feind des Menschen ist. In dieser Ausnahmesituation sind menschliche Eigenschaften nicht viel Wert: Mut, Courage, Disziplin, Ehre und Gewissen werden überflüssig, und lösen sich in einem Nebel auf. Alles was wir unter Zivilisation verstehen besteht nur noch aus Staub und Schatten und alles will an die Oberfläche wo nicht anders wartet als Egoismus, Wahnsinn vor Vernunft und Brutalität.

Auch wenn der Roman mit seinen 1000 Seiten auf dem ersten Blick eindrucksvoll und mächtig erscheint, ist dieser von hoher lesenswerter Qualität und wirkt überzeugend.

Fazit

Dan Simmons hinterfragt in „Terror“ nicht die Wahrheit, sondern fordert sie anhand von Quellen ein und setzt sie geschickt in seine Interpretation. Im Nachwort erklärt er seine Quellen und Zeichnungen belegen den Weg und das Ende der Schiffe Erebus und Terror im Ewigen Eis.

„Terror“ ist mitreißend, grauenhaft faszinierend. Ein großartiger Historischer Roman der zu unterhalten weiß. Ein Roman der Maßstäbe setzen wird und auch als Quelle für künftige Autoren gelten wird die sich mit der Tragödie befassen.

Prädikat: Ein „must-read-Titel“.

Autor

Dan Simmons wurde 1948 in Peoria, Illinois, geboren. Er studierte Englisch und wurde 1971 Lehrer; diesen Beruf übte er 18 Jahre aus. In diesem Rahmen leitete er eine Schreibschule; noch heute ist er gern gesehener Gastdozent auf einschlägigen Workshops für Jugendliche und Erwachsene.

Als Schriftsteller ist Simmons seit 1982 tätig. Fünf Jahre später wurde er vom Amateur zum Profi - und zum zuverlässigen Lieferanten unterhaltsamer Pageturner. Dass er nicht längst in dieselbe Bestseller-Kategorie aufgestiegen ist wie Dan Brown oder Stephen King, liegt sicherlich auch daran, dass er auf zu vielen Hochzeiten tanzt: Simmons ist einfach zu vielseitig, lässt sich in keine Schublade stecken, versucht sich immer wieder in neuen Genres, gewinnt dem Bekannten ungewöhnliche Seiten ab. Ein flinkfedriger Schriftsteller wie Simmons taucht unter zu vielen Masken auf und kann sich deshalb nicht als Markenzeichen etablieren.

In Deutschland hat dies die stetig wachsende Zahl wissender Fans indes nicht davon abgehalten, den Meister in seinen vielen Verkleidungen zu finden. Immerhin ist Simmons auch hierzulande so erfolgreich, dass die meisten seiner Werke verlegt werden.

Über Leben und Werk von Dan Simmons informiert die schön gestaltete 'offizielle' Website http://www.dansimmons.com.

Michael Sterzik


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