Sonntag, 29. März 2009

Das letzte Königreich (Bernard Cornwell)


Die Wikinger waren gefürchtete Seeräuber, jedenfalls ist dies ihr stetiger Ruf. Doch waren die kriegerischen Skandinavier mehr als nur brutale und heidnische Mörder, sie waren auch Forscher und Entdecker, Händler und Kaufleute, alles zu seiner Zeit und oftmals auch kombiniert miteinander.

Viele betrieben den Raub zur See oder auch ufernaher Überfälle, dies ist geschichtlich und wissenschaftlich bewiesen. Die Motivation war unter anderem ihren Lebensstil finanzieren zu können, Mut und Ehre zu beweisen, aber auch neuen Lebensraum zu erobern. Wikinger waren damals vornehmlich die Dänen, sowie auch etwas später die heutigen Norweger. Mit schlanken Schiffen, auch als Drachenboote betitelt überfielen die Dänen um 866 die Englische Inseln. Waren zuerst die Küsten im Norden das Ziel ihrer räuberischen Aktivitäten, so sagen es die Angelsächsischen Chroniken, so fielen sie auch ins Landesinnere ein. Es waren mehr als nur Überfälle, es sollte ein Eroberungsfeldzug werden, und das von langer Hand militärisch strategisch und taktisch organisiert. Die einzelnen christlichen Englischen Königreiche fielen nach blutigen Schlachten den Wikingern zu, einzig und allein das Königreich Wessex unter Alfred dem Großen leistete über längere Zeit heftigen Widerstand.

Es gibt viele Legenden und Erzählungen über die raubeinigen nordischen Krieger die Götter wie Odin und Loki verehrten und scheinbar keine Angst vor dem Tod auf dem Schlachtfeld hatten, in der Hoffnung in Walhalla, Odins Halle auf ewig zu leben und zu feiern. Waren sie wirklich so „böse“ wie manche geschichtlichen Überlieferungen und Berichte uns es glauben lassen sollen oder wollen? Wie sah ihre Kultur und Religion aus? Der britische Autor Bernard Cornwell hat den Eroberungsfeldzug der Dänischen Wikingern in mehreren Romanen thematisiert und präsentiert uns mit „Das letzte Königreich“ einen gewaltigen und spannenden historischen Abenteuerroman.

Inhalt

In Nordumbrien tauchen an der Küste schlank gebaute Drachenschiffe auf. Nordmänner, Dänen, wilde Krieger aus den nördlichen Ländern die hin und wieder die Küstenregionen plündern und unschuldige Dörfer und Klöster verwüsten. Uhtred ist gerade erst 10 Jahre alt und Sohn des Grafen und Aldermann von Bebbanburg (Bamburgh Castle), als sein Bruder und den Wikingern bei einem Kampf in die Hände fällt und nach grausamer Folter geschändet und getötet wird. Als die Dänen Bebbanburg angreifen, fällt auch Uhtreds Vater im Schildwall und nun ist Uhtred als ehemals jüngster Sohn des Grafen Erbe und Nachfolger.

Graf Ragnar der Anführer der Wikinger nimmt Uhtred der todesmutig oder auch leichtsinnig versucht ihn anzugreifen gefangen. Ragner der von Uhtreds Mut fasziniert und amüsiert ist, verschont den Jungen und nimmt ihn im Kreise seiner Familie auf.

Uhtred ist aber kein Sklave und freundet sich mit seinen jungen Jahren schnell mit den gleichartigen Söhnen der Wikinger an. Auch Ragnars Sohn Rorik gehört zu seinen engsten Freundeskreis. Das Leben ist hart für den jungen, er arbeitet und lernt das raue Leben der Nordmänner kennen und auch lieben.

Graf Ragnar herrscht mit harter Hand über sein Territorium und seine Männer, aber zugleich ist auch ein Fairer und Gerechter Anführer. Als seine Tochter Thyra von Sven einen etwa gleichaltrigen Jungen sexuell belästigt wird, gelingt es Uhtred und Rorik die die Tat beobachten, schlimmeres zu verhindern. Sven wird durch Uhtred am Bein verletzt und zusammen mit Thyra flieht das Trio zurück an Ragnars Hof. Wütend und außer sich wendet sich Ragnar an Svens Vater Kiartan der einer seiner Männer ist und fordert Genugtuung. Mit seinem Schwertknauf schlägt Ragnar Svens Auge aus und entlässt Kiartan aus seinen Diensten. Uhtred gewinnt nach und nach das Vertrauen des Wikingergrafen Ragnars und zieht mit diesem auf Raubzug gehend durch England.

Die Dänen sind großartig organisiert und immer mehr Schiffe kommen aus dem Norden um sich den Feldzug anzuschließen. Es winken, Ehre und Güter und Ländereien und die Wikinger brechen jeden Widerstand und erobern nach und nach die kleineren Königreichen Mercien, Ostanglien und bereiten die Invasion von Wessex vor, dem letzten noch stehenden Königreich auf der Insel....

Als Ragnar verraten und er und seine ganze Familie ausgelöscht werden, und Uhtred als einziger überlebt, flieht er an den Hof von König Alfred in Wessex. Dieser empfängt ihn freundlich, weiß er doch das Uhtred wertvolle Fähigkeiten und noch mehr an Wissen hat um die bedrohliche Situation umlenken zu können. Uhtred steht vor einer schicksalshaften Wahl. Für welche Seite wird und muß er sich entscheiden.

Kritik

Bernard Cornwell`s „Das letzte Königreich“ ist der Auftakt zu einer Reihe weiterer Bände, die die Eroberungsfeldzüge der Dänischen Wikinger in England thematisiert.

Die nordische Saga orientiert sich stark an der Historischen Geschichte und den zeitlichen Abläufen. Um 866 n. Chr. fielen die Dänen in Nordengland ein, diesmal waren es keine kleineren Raubzüge, diesmal sollte es der Auftakt einer Eroberung werden, nur um mehr freundlichen Lebensraum für sich gewinnen zu können.

Noch immer zeugen heutige Chroniken von dem Schrecken der über die Christenheit auf der Insel gekommen ist. Als besonders brutal, vergewaltigend, plündernd und mordend waren die Männer aus dem Norden die Geißel der friedlichen Küstenstädte und Klöster. Bernard Cornwell hat den Schrecken der dort lebenden Menschen und die Dramaturgie der Bedrohung und Eroberung durch die Wikinger sehr spannend und wahrlich dramatisch erzählt.

Waren die Nordmänner vergleichsweise grausamer und mordgieriger als die Engländer selbst, vielleicht auch nur weil sie den Christengott nicht verehrten? Cornwell schafft die eindrucksvolle Gradwanderung auf des Messers Schneide. Für den Autor sind die Wikinger nicht die schlechteren Menschen, und nicht die finsteren Mordgesellen deren Bild uns immer vor Augen geführt wird. Es ist sicherlich vieles, nicht alles, eine Frage der Perspektive. Die Wikinger hatte eine ganz andere Kultur, eine ganz andere Vorstellung von Moral und Ehre, von Verpflichtung und Nächstenliebe. Mit Sicherheit waren sie nicht grausamer als andere Völker in Europa oder Asien, und seinen wir ehrlich, wieviele andere Völker haben andere auch mit Feuer und Schwert ihre Lebensart und Kultur aufzwingen wollen?!

Der britische Autor Bernard Cornwell lässt in „Das letzte Königreich“ seine Protagonisten leiden, verzweifeln, leben und sterben – und was für die Handlung wichtig ist – beide Seiten – Engländer wie auch Dänen bekommen viel Raum um sich ihrer Motivation erklären zu können. Die Wikinger erobern für den für sich so wichtigen Lebensraum für spätere Generationen, und die Engländer verteidigen natürlich ihren Besitz und ihr Land.

Graf Ragnars Charakter ist zwar nur fiktiv aber seine Figur ist intensiv und glaubwürdig konzipiert. Seine ganze Art kommt der Realität einer Führungspersönlichkeit wohl sehr nahe. Er kämpft wenn man es von ihm verlangt oder er gezwungen ist, geht aber durchaus klug und mit Weitsicht vor. Er beschützt seine Familie und gibt Uhtred einen vollwertigen Platz in dem Kreise seiner Kinder, er behandelt ihn sogar wie seinen eigenen Sohn. Das Uhtred zwischen den Kulturen lebt und trotz seines Erbes und Titels als neuer Graf der Bebbanburg nicht weiß wohin er gehört ist glaubhaft erzählt. Seiner Familie mit Gewalt entrissen und getötet, bekommt er doch bei den Dänen eine neue Familie und fühlt sich in dieser auch voll respektiert und akzeptiert.

Er lernt aufgewachsen nach Englischen Traditionen und auch Glauben wohlbehütet auf, nur um wenig später eine gänzlich ihm unbekannte Kultur neu zu entdecken, die zwar fremd wirkt aber dennoch viel familiäre Liebe und Wärme gibt. Loyalität kann immer auch zwei Seiten haben.

Cornwell hat ein vielseitiges Gespür für Historische Details. Nicht nur für Waffen und Alltagsgegenstände beider Kulturen, sondern auch sinngemäß viel Raum für Traditionen und der zwei doch so verschiedenen Lebensarten. Das Verhalten der Wikingern, auch der Umgang miteinander wird historisch korrekt, erzählt, genauso wie der zeitliche Verlauf der Konfrontation zwischen den Dänen und den Angelsachsen. Das diese anfangs kleineren Königreiche den Wikingern anfangs nicht viel entgegenzusetzen hatten, ist klar der Schuldigkeit getan, dass sie uneinig waren. Bei den Nordmännern gab es einige Herrscher und Könige, aber sie alle waren sich einiger in ihrer Eroberungspolitik als die geforderten Angelsachsen.

Cornwell bricht keine Lanze über die Engländer oder die Dänen. Es gibt in „Das letzte Königreich“ keine Guten oder Bösen Parteien. Sympathisch und glaubhaft verfolgt man die Handlung und fiebert mal mehr, mal weniger mit der jeweiligen Seite. Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht Uhtreds, der zwischen den Angreifern und den Verteidigern als Spielball oder auch Schicksalsgott fungiert.

Die Schlachten, und es gibt einige werden brutal und blutig geschildert, ein Schildwall in dem sich die Gegner Schild an Schild gegenüberstehen, stechen, hauen und schlagen wird so erschreckend erzählt, dass man die Ängste der wenig kriegserfahrenen Engländer gut nachvollziehen kann.

Anschaulich und stillvoll bildlich entsteht beim Leser ein sogenanntes Kopfkino was hinsichtlich der Spannung und Dramatik fesselnd wirkt. Historisch absolut korrekt weiß der Leser allerdings schon was in den nächsten Romanen passieren wird, aber in dieser Saga ist der Weg das Ziel.

Fazit

Der Historische Roman hat mit diesem Titel ein neues Gesicht gewonnen. Die Grausamkeit des Krieges und die Lebensweise der zwei so unterschiedlichen Kulturen werden vorurteilsfrei und neutral geschildert, sie werden nicht überzeichnet oder ritterlich und romantisch übertrieben. Cornwell legt viel wert auf Unterhaltung, legt aber noch mehr auf eine Authentische Handlung.

In Nachwort erklärt Cornwell seiner schriftstellerischen, künstlerischen Freiheiten die er sich genommen hat und auf der ersten Seite sieht der Leser eine historische Karte Englands, sowie eine Übersetzung der Regionen und Städten mit dem heutigen Namen.

„Das letzte Königreich“ ist der erste Roman, einer auf wahrscheinlich fünf Bände ausgelegten Geschichte und bildet den Auftakt der Geschichte um das Schicksal Uhtreds. Für Liebhaber abenteuerlicher und realitätsnaher Historischer Romane ist „Das letzte Königreich“ sehr, sehr empfehlenswert und auch Leser die sich in anderen Genres wohlfühlen werden überrascht sein wie sprachgewaltig spannend und unterhaltsam Bernard Cornwell schreiben kann.

Autor

Sein Vater war ein kanadischer Flieger, seine Mutter gehörte zur Britain's Women's Auxiliary Air Force. Er wurde zur Adoption freigegeben und wuchs bei einer Familie von christlichen Fundamentalisten in der Grafschaft Essex auf, deren Nachnamen Wiggins er erhielt. Nachdem er die Familie verlassen hatte, nahm er den Geburtsnamen seiner Mutter an: Cornwell.

Cornwell studierte Geschichte an der London University, arbeitete als Lehrer und ging dann zur BBC. Dort arbeitete er zehn Jahre in der Fernsehabteilung. In Belfast lernte er seine jetzige Ehefrau Judy kennen, eine US-Amerikanerin. 1980 wanderte das Paar in die USA, nach Cape Cod, aus. Dort verweigerte man Cornwell die Greencard, die ihm die Ausübung eines Berufs gestattet hätte. So begann er, bereits wieder unter dem Namen Bernard Cornwell, Romane zu schreiben, da er dafür keine Arbeitserlaubnis benötigte.

Cornwell gelang der schriftstellerische Durchbruch mit den Abenteuern von Richard Sharpe, einem britischen Soldaten in den napoleonischen Kriegen. Diese Serie umfasst mittlerweile über zwanzig Bücher und wird ständig erweitert. Ein Teil der Romane wurde in mehreren Fernsehfilmen umgesetzt mit Sean Bean als Richard Sharpe (deutscher Titel: „Die Scharfschützen“). Darüber hinaus schrieb er weitere Romanserien sowie einzelne Romane mit größtenteils historischen Inhalten, zwei davon gemeinsam mit seiner Frau unter einem weiteren Pseudonym. 2003 ließ er auch seinen amtlichen Namen wieder auf Cornwell ändern.

2006 wurde er von Queen Elizabeth II. mit dem OBE ausgezeichnet.


Michael Sterzik





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