Freitag, 27. Februar 2009

Jeffery Deaver - Der Täuscher

Der Täuscher

Biometrische Daten – oder auch der „gläserne Bürger“ über den alle Daten so banal und minimal sie auch für uns im Alltag begegnen, gespeichert werden?! Datenschützer die unsere Grundrechte schon angegriffen und vergewaltigt sehen, gehen auf die Barrikaden und prognostizieren Manipulationen unseres persönlichen und privaten Umfelds die wir uns (noch) nicht vorstellen können oder besser die Augen vor dieser drohenden Gefahr schließen.

Längst schon gibt es Firmen in privater Hand die unsere Kaufdaten analysieren und mit den Daten prophetische Voraussagen wagen über die nächsten Käufe die wir tätigen wollen, oder nehmen wir mal statistische Ämter oder auch staatliche Behörden in denen unsere ganz persönlichen Daten schlummern. Noch gefährlicher wird es wenn wir in solchen kritischen Zeiten wie jetzt darüber nachdenken, was die vielen verschiedenen Kreditinstitute über uns wissen.

Spinnen wir den Gedanken weiter, dass es eine Firma gibt, die „alle“ Daten, persönliche, private und berufliche speichert, aufbereitet und ein strukturiertes Dossiers erstellt. Ein Alptraum, und das erst Recht dann, wenn diese Daten durch evtl. andere Personen manipuliert werden. Wir glauben was wir sehen und fremde Menschen beurteilen unser Leben durch „persönliche“ Daten die ihnen vielleicht beruflich zur Verfügung stehen.

„Wissen ist Macht“ und genau das kann stimmen und für Gute wie auch Böse Taten gelten. Manipulation von Kontobewegungen oder Kreditwürdigkeit. Veränderung von offiziellen persönlichen Daten wie polizeiliche Führungszeugnisse oder noch schlimmer medizinische Details. Ein Alptraum ohne wirkliches Ende.

Jeffery Deaver hat mit seinem neuesten Roman „Der Täuscher“ diese Gefahr verwendet und wie immer herrscht in den Thrillern um Lincoln Rhyme und Amelia Sachs eine unaufhaltsame Spannung.

Inhalt

Lincoln Rhyme ist seit einem Unfall vom Kopf abwärts gelähmt, sein messerscharfer Verstand und seiner Fähigkeiten sich in die Denkweise eines Kriminellen zu versetzen, lassen ihn für jeden Verbrecher zu einer nicht zu unterschätzenden Gefahr werden. Mit psychologischer Raffinesse und seiner Assistentin und Geliebten Amelia Sachs, die die Hände und Augen für den behinderten Ermittler am Tatort ist, kommt es zu einer persönlichen Konfrontation mit einem Killer, der scheinbar seit Jahren sein blutiges Handwerk ausübt.

Ein schockierender Anruf lässt den Kriminalisten Lincoln Rhyme an seiner Vergangenheit denken. Vor seiner Karriere als Polizist ist er mit seinem Cousin Arthur Ryhme aufgewachsen. Ihr Verhältnis war eng, sie empfinden fast wie Brüder füreinander, bis sie sich völlig zerstritten und seitdem keinen persönlichen Kontakt mehr pflegten.

Und doch ist für seinen Cousin nun Lincoln die einzige Hoffnung. Arthur ist des vorsätzlichen Mordes angeklagt und sitzt in Untersuchungshaft, die Kautionssumme ist zu hoch, als das er bis zum Prozess auf „freien“ Fuß ist.

Die Beweislage ist niederschmettert und Staatsanwalt wie auch seine Verteidigung bitten Arthur sich schuldig zu bekennen und einzulenken, doch der ehemalige Professor beteuert verzweifelt seine Unschuld. Die Chance zu beweisen ist nahezu unmöglich, in Arthurs Auto wurde das Blut der jungen Frau gefunden und andere Spuren, ein anonymer Anruf hat ihn zudem aus dem Wohnhaus der Getöteten flüchten sehen. Erschwerend noch das Arthur für die Tatzeit den Beamten kein Alibi vorweisen kann und ein kostbares Bild das gestohlen wurde für das sich Arthur interessierte macht es nicht leichter.

Lincoln Rhyme folgt dem Bitten Arthurs Frau und fängt zusammen mit Amelia Sachs den Fall zu analysieren. Wenig später stößt das Duo auf zwei weitere Todesfälle die nach gleichem Muster abgelaufen sind. Kann es sein das auch diese beiden verurteilten und inhaftierten Täter unschuldig sind?! Rhyme und Sachs vermuten dies und kommen dem Verhaltensmuster des gefährlichen Killers immer näher. Bei einem weiteren Mord der von der Polizei gemeldet wird, passieren dem flüchtenden Täter erste gravierende Fehler, er verliert einen Zettel mit einer Hoteladresse in Manhattan.

Als Sachs diese Adresse prüft, trifft sie auf einen verzweifelten und ruinierten Mann, der behauptet, jemand habe seine Identität erst gestohlen und dann mit Kalkül zerstört. Wer hat in seinem Namen ganze Häuser gekauft und enorme Schulden angehäuft!? Seine Familie ist zerstört, sein Beruf als Arzt darf er nicht mehr ausüben, ihm bleibt nichts mehr.

Die Spuren führen Rhyme und Sachs zu der führenden größten Firma in Manhattan die sich auf Datensammlungen und Auswertungen spezialisiert hat – Strategic Systems Datacort (SSD). Die Firma kooperiert mit Sachs und ihren Ermittlern, und der Kreis der Verdächtigen Personen die Zugriff auf die enorm ausführlichen Datenmengen wird enger. Aber auch der Täter fängt an zu ermitteln und nutzt sein „Wissen“ um systematisch gegen die Polizei vorzugehen und ein erster Todesfall in deren Reihen beweist das er zu allem fähig und entschlossen ist...

Kritik

„Der Täuscher“ von Jeffery Deaver ist grandios konzipiert. Mit viel Gespür für unsere ärgsten Alpträume, neben dem immer wiederkehrenden aktuellen Thema des evtl. Datenmissbrauchs, bzw. der Manipulation, ist der Roman an Spannung kaum zu übertreffen.

Wie kann sich ein Schriftsteller nur eine so reale Handlung ausdenken und sie derartig mit vielen Überraschungen und Wendungen ausstatten? Jeffery Deaver vermag es. „Der Täuscher“ ist ein psychologischer Thriller, kein typischer Krimi, denn Lincoln Rhyme und „Der Täuscher“ kämpfen mit ihrer Intelligenz, ein Duell das viel Wucht die Gefahren des „gläsernen“ Menschen thematisiert.

Wenn Deaver den Täuscher erzählen lässt welche Daten er sammeln, auswerten, Rückschlüsse ziehen kann und die dann noch diabolisch dazu nutzt zu seiner eigenen Befriedigung Existenzen zu zerstören, nicht nur physisch sondern seiner Opfer ihres privaten Lebens beraubt, umfängt den Leser eine Gänsehaut bis ins Mark.

Die Handlung wird aus vielen verschiedenen Perspektiven erzählt. Neben Lincoln Rhyme, der an sein Bett oder seinen Stuhl gefesselt und auf die Hilfe seiner Mitarbeiter Amelia Sachs und Ron Pulaski angewiesen ist und Spur für Spur analysiert, plant sein Gegner minutiös jeden weiteren Schritt, und ist dabei scheinbar immer im Vorteil. Der Täuscher gibt sich selbstsicher, fast Gottgleich, bis er erkennen muß, dass auch er „Fehler“ macht. Seine Arroganz lässt ihn unvorsichtig werden, zwar versucht er den angerichteten Schaden immer wieder zu begrenzen doch auch der Protagonist „Zufall“ hat seinen Auftritt.

Wer hinter der Identität des Täuschers steckt, wird bis zuletzt nicht verraten, immer wieder werden Nebenfiguren ins Spiel gebracht, die die Handlung vorantreiben und auch Motive haben solche Verbrechen zu begehen, doch das Blatt wendet sich unaufhörlich während sich die Ermittler und der Täuscher ein Psychoduell liefern. Ein nervenaufreibendes Katz und Maus Spiel zieht sich wie ein Roter Faden durch die Handlung.

Doch es gibt auch viele und interessante Nebenhandlungen, z.B. wird ein Teil von Lincoln Rhymes Vergangenheit aufgearbeitet. Die Rivalität und der Konflikt der seit Jahren zwischen Arthur und Lincoln vor sich hin dämmert, müssen sich beide stellen. Einige Protagonisten tauchen wie schon in den anderen Romanen neben Rhyme und Sachs auf, wie z.B. Detective Selito. Trotzdem kann man den Thriller auch gänzlich unabhängig von den anderen Teilen lesen, da sie nur wenig aufeinander aufbauen.

Der Realismus der Handlung sind nicht nur unbedingt die Ermittlungsmethoden die vielleicht ein wenig unkonventionell wirken, nein – es sind die Verbrechen die der „Täuscher“ verübt. Wie oft lassen wir beispielsweise in einer Woche verschiedene, persönliche Daten in Behörden, Geschäften oder bei Banken? Wie oft werden wir gefilmt, ohne es vielleicht zu merken, oder es ist alltäglich geworden, da es unserer Sicherheit dienen soll. Der Täuscher verwendet diese Daten als „Waffe“ und das sehr effektiv und berechnend - Er weiß alles! Ein Zukunftsszenario? Nein, Jeffery Deaver hat sich größtenteils an Fakten gehalten und wer mehr über Firmen wissen möchte, die Daten von Privatnummern sammeln findet man im Anhang einige Internetadressen die sich mit dem Thema wie auch deren Gefahren auseinandersetzen.

Spannung und Action geben sich abwechselnd die Hand und Deaver schafft es urplötzlich inne zu halten, die Perspektive wechselt zu einer andern Figur nur um ein Kapital darauf die Szene aufzulösen. Psychologisch meisterhaft eingesetzt.

Lincoln Ryhme und Amelia Sachs ergänzen sich gekonnt, jeder ein Teil des ganzen wäre ohne den anderen zwar ein guter Ermittler, aber nur zusammen sind sie erfolgreich. Lincoln der körperlich sehr eingeschränkt ist, klingt manches Mal verbittert und kaltherzig. Amelia Sachs dagegen hat sich ihre Menschlichkeit bewahrt und geht eher gefühlsbetont vor und sehr intuitiv, auch von ihr erfährt man einige persönliche Details. „Der Täuscher“ dagegen könnte jedermann sein, ein Normalbürger, jemand mit zwei Gesichtern, mit zwei Persönlichkeiten, in dem eine immer nur dann zu Tage kommt, wenn es denn unbedingt sein muss. Die Grenze zwischen Genie und Wahnsinn ist fließend und nicht überzogen unrealistisch gezeichnet.

Fazit

„Der Täuscher“ von Jeffery Deaver ist der achte und sicherlich auch nicht der letzte Fall des Ermittlungsduos Rhyme und Sachs. Stilsicher und spannend ist „Der Täuscher“ einer der intensivsten Psychothriller des Autors und wird begeistern, auch wegen der aktuellen Debatte um Daten und Missbrauch die immer wieder in den Medien aufgegriffen wird. Der Roman zeigt erschreckend auf, was passieren kann wenn sensible Daten in falsche und kriminelle Hände geraten können. Das Gesetz kann hier nur schwerlich helfen und Geheimhaltung garantieren.

Der Bösewicht ist wirklich nur böse, und auch aus seiner Sicht sieht er nur sich und denkt nicht an andere, doch ist er auch interessant beschrieben und ein würdiger Gegner. Als Kritikpunkt sei anzumerken, dass es ein in sich geschlossener Fall ist, einen weiteren Auftritt „Des Täuschers“ wird es nicht geben, doch ein anderer Gegner macht sich schon bereit.

„Der Täuscher“ ist ein genialer, tiefsinniger und psychologischer Thriller der spannender kaum mehr sein kann. Jeffery Deaver hat mit diesem Roman einen seiner Höhepunkte als Schriftsteller erreicht.

Autor

Jeffery Deaver wurde 1950 in Chicago geboren. Bereits mit elf Jahren schrieb er sein erstes Buch – es bestand aus zwei Kapiteln.

Er studierte Journalismus und arbeitete danach als Autor für ein Magazin, ehe er sich an der Fordham Law School für ein Jurastudium einschrieb. Nach Abschluss war ein mehrere Jahre Anwalt an der Wall Street. Auf den langen Bahnfahrten zu seinem Arbeitsplatz begann er, Thriller zu schreiben – übrigens auch seine bevorzugte Lektüre. Seit 1990 arbeitet er hauptberuflich als Schriftsteller und gilt seitdem als einer der erfolgreichsten Thrillerautoren. Seine Bücher erscheinen in 150 Ländern, werden in 25 Sprachen übersetzt und stehen weltweit ganz vorne auf den Bestsellerlisten.

Für seine Romane und Kurzgeschichtensammlungen hat er zahlreiche Preise erhalten. Sechs Mal war er für den Edgar Award der Mystery Writers of America nominiert und ist unter anderem mit dem Steel Dagger Award und dem Short Story Dagger Award der British Crime Writers Association ausgezeichnet worden.

Dead Silence (Buch; Die Schule des Schweigens) wurde mit James Garner in der Hauptrolle verfilmt und lief im Fernsehen. Der erste Roman um den gelähmten Ermittler Lincoln Rhyme , „Der Knochenjäger“ (Buch: Die Assistentin), kongenial besetzt mit Denzel Washington und Angelina Jolie war auch in den Kinos ein großer Erfolg.

„Die Menschenleserin“ war 2008 der Aufakt zu einer neuen Serie um die Verhörspezialistin Kathryn Dance. Weitere Romane um Lincoln Rhyme und seine Partnerin Amelia Sachs sind in Vorbereitung.

Jeffery Deaver lebt abwechselnd in Virginia und Kalifornien.

Weitere Infos zum Autor unter:

www.jefferydeaver.com und www.jeffery-deaver.de

Michael Sterzik




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