Sonntag, 1. Februar 2009

Die Dirne und der Bischof (Ulrike Schweikert)


Die soziale Rolle der Frau im frühen wie auch im späten Mittelalter ist schwierig, wenn nicht gar höchst kompliziert. Geherrscht und regiert haben in den Adels- und Königshäuser zumeist die Männer, nur selten hat eine selbstbewusste Frau das Zepter der staatlichen Souveränität und der Macht schwingen dürfen. Und vergessen wir auch nicht das Tausendfache sterben europäischer Frauen die als Hexe angeklagt den Tod auf den Scheiterhaufen fanden. Oftmals der puren Gier und Willkür der Männer ausgesetzt, hatten es gerade die sozial schwächer gestellten Frauen schwer ihre Position in der Gesellschaft zu finden und dann auch erfolgreich zu verteidigen.

Noch schwieriger verhält es sich mit Prostituierten, auch „Dirnen“ genannt die im Mittelalter in Frauenhäusern gelebt und gearbeitet haben, ganz offiziell und von dem Rat der Stadt geduldet. Es waren die ersten Bordelle die eingerichtet, finanziell subventioniert und auch kontrolliert wurden, dass auch nach strengen Regeln und diese Aufgaben wurden öfters den städtischen Henkern und Scharfrichtern übergeben.

Die Frauen die als „Dirnen“ im Frauenhaus wohnten hatten ein relativ ruhiges und für die Zeit „gutes“ Leben. Was blieb solch gescheiterten Frauen auch sonst übrig?! Geflohen aus kriegsverwüsteten Regionen, verstoßen oder straffällig geworden blieb ihnen nichts anderes übrig, als vielleicht in einer anderen Stadt, mit einer gewissen Anonymität einen Neuanfang zu wagen.

Als Dirnen waren sie zwar in gesellschaftlichen Kreisen akzeptiert und genossen durch den Rat einen gewissen Schutz, doch sozial waren sie öffentlich stigmatisiert und mussten außerhalb des Frauenhauses gekennzeichnete Kleidung tragen, ein gefärbtes Band oder der Saum eines Kleides war auffällig genug.

Dem Schicksal ein Schnippchen zu schlagen und ggf. aus dem Frauenhaus auszubrechen um wiederum irgendwo neu anzufangen war fast unmöglich und wohl eher selten. Doch es gab schlimmere Schicksale! Hatten es die Frauen auf den Feldern die täglich um Nahrung und Leben kämpfen und viel mehr Entbehrungen auf sich nehmen mussten weniger schlimm?! Der Tod war allgegenwärtig im Mittelalter, Krankheiten, Kriege und Verbrechen machten den Alltag, jeden Tag aufs Neue zu einem makaberen Spiel.

Ulrike Schweikert hat in ihrem neuesten Historischen Roman „Die Dirne und der Bischof“ das Leben und das Schicksal einer „Dirne“ im Mittelalter thematisiert.

Inhalt

Würzburg, im Jahre des Herren 1430.Zwei Männer entledigen sich in der Nacht ihrer unhandlichen Fracht. Im Schutze der Nacht und des Nebels am Main der den Marienberg einhüllt suchen sie nach einem Ort um die Leiche der jungen Frau verschwinden zu lassen, in der Nähe des alten Judenfriedhofs wird diese schließlich in die Kürnach geschmissen.

Nur wenig später wird die junge,nackte Frau von zwei Betrunkenen in einem Wassergraben gefunden. Dem Tode näher als dem Leben wird die schwerverletze Frau in das naheliegende „Frauenhaus“ gebracht. Else Eberlein die „Meisterin“ des Frauenhauses, auch die Eselswirtin genannt, nimmt sich der jungen, verletzten Frau an. Weder sie noch die anderen Dirnen wissen wer die unbekannte Frau mit der Kopfverletzung ist.

In den nächsten Tagen pflegt Else die junge Frau die zudem noch schön ist, als sie aufwacht, kann sie sich an nichts erinnern. Wer sie ist, woher sie gekommen ist, alles ist wie ausradiert, nur Bruchstückhafte Gedanken, zusammenhaltlos blitzen manches Mal vor ihr auf. Die Dirnen im Frauenhaus schlagen ihr verschiedene Namen vor und sie entscheidet sich schließlich für den Namen Elisabeth, an den sie sich wirklich zu erinnern vermag. Die Eselswirtin fordert für Pflege und Medizin, dass Elisabeth für sie als Dirne arbeitet. Hier soll sie „Freiern“ zu Diensten sein.

Doch Elisabeth die scheinbar aus sehr gutem Hause zu kommen scheint, da sie rechnen und lesen kann ziert sich, doch die Meisterin zwingt sie durch Hurerei ihre Schulden abzuarbeiten. Noch nach knapp einen Jahr weißt Elisabeth nichts über ihre Vergangenheit, und doch glaubt sie das sie von manchen Personen wiedererkannt wird. Die Frau eines Ratsherrn fällt in Ohnmacht als sie Elisabeth in der Stadt erblickt, und alle Fragen und Bitten der jungen Frau nach ihrem früheren Leben werden abgeschmettert.

Inzwischen wird es aber in Würzburg unruhig. Das verschwenderische Leben des Bischofs Johann von Brunn erhitzt die Gemüter der Bürger, denn nun wird Würzburg von einem Heer belagert das sein Geld vom Bischof oder der Stadt wiederbekommen mag. Doch der Landesherr gibt nicht auf und spielt ein falsches Spiel mit den Bürgern der Stadt. Seinen Vorsitz über die Stadt und vor allem sein lasterhaftes Leben möchte er um keinen Fall aufgeben.

Als Elisabeth eines Tages durch Zufall eher zwei Männern des Bischofs begegnet, erkennt sie die Stimmen scheinbar wieder…! Können Sie Elisabeth helfen die Vergangenheit aufzuarbeiten, ihr Gedächtnis zu reaktivieren, damit sie wohin auch immer nach Hause kommen kann? Und warum, wer wollte sie umbringen, zum Schweigen zwingen.

Kritik

Frauenschicksale in Historischen Romanen wird viel Platz gegeben. Und das „schwache“ Geschlecht gibt sich in diesen manchmal recht fantasievoll erzählten Geschichten sehr, sehr stark.

Das dabei oftmals ganze historische Elemente kippen, und der erzählerischen Freiheit mehr als gut genüge getan wird, ist oftmals zwar der Spannung halber wichtig, aber es kann der Geschichte auch die atmosphärische Dichte nehmen.

Historisch korrekt und sauber recherchiert ist dann leider etwas ganz anderes. Ulrike Schweikert die schon in anderen historischen Romanen ihr Können bewiesen hat, beschreibt in ihrem neuen Roman „Die Dirne und der Bischof“ das Schicksal einer Frau, einer Dirne die verzweifelt aber nicht aussichtslos um ihr „Leben“ kämpft. Eine Suche nach sich selbst, nach ihrer Vergangenheit in einer Gegenwart in der sie nicht hingehört.

Das Leben in einem „Bordell“, nichts anderes war ein Frauenhaus vor knapp 600 Jahren ging es den Umständen nicht unmenschlich zu. Sicherlich in sozial niedriger Rangordnung waren sie stigmatisiert und „unrein“, doch ihr Dienst an der Gesellschaft wurde geachtet und respektiert. Ohne wenn, mit ein paar „abern“ überlebten die Prostituierten und lebten mit einem Dach über dem Kopf und Essen, was in Kriegs- oder Zeiten von Seuchen nicht alltäglich war.

Ulrike Schweikert beschönigt das Leben der Dirnen nicht, und sie beschreibt es auch nicht als zu dramatisch. Den Quellen nach zu urteilen könnte es so zugegangen sein. Allerdings hat sich die Autorin bei der Protagonistin „Elisabeth“ viele erzählerische Freiheiten genommen. Das eine junge Frau mit dem Volumen an Wissen und Bildung und Selbstbewusstsein nicht intensiver ihre Vergangenheit sucht, gerade bei dem Rat der Stadt, bei offiziellen Anlässen und Behörden, der Kirche usw. entspricht ganz klar gegen jeglicher Logik. Auch das nicht von anderer Seite extrem und mit allen Mitteln gesucht wird, dass fast niemand sie erkennt, fällt schnell auf. Doch auch bei diesen Kritikpunkt sei gesagt: Es ist ein Historischer Roman, eine Geschichte die primär unterhalten soll, es ist keine geschichtliche Abhandlung.

Die „Dirne und der Bischof“ ist spannend und fast bis zum Schluß bleibt die Wahrheit über die Rolle der anonymen Elisabeth ein Rätsel. Rasant, aber mit einigen Lücken schreitet die Handlung voran, es gibt nicht viele Höhepunkte und Abwechslungen im Roman, doch bleibt er geradlinig in der Spur, ohne viel Höhen und mit genauso wenig tiefen. Elisabeth ist der Nabel der Welt und vom Bischof und seinem wollüstigen Leben, seiner Politik erfährt man nur dann etwas wenn es gerade passiert, aber nicht unbedingt, was diese Krise, die Situation nun ausgelöst hat.

Der Schein trügt aber, die Autorin hat für die Perspektive Elisabeths gut recherchiert. Viele Personen sind historisch verbürgt, auch der Streit des Bischofs mit der Stadt Würzburg ist dokumentiert und ebenso die fast verbrecherischen Befehle des Kirchenmannes das zum wirtschaftlichen Ruin der Stadt geführt hätte.

Die anderen Protagonisten sind zwar reichlich gesät, aber kommen nur spärlich zur Geltung. Elisabeths Kolleginnen werden namentlich genannt und kommen auch in einigen Nebenhandlungen vor, doch auch sie stehen wie alle nur im Schatten der tragisch/traurigen Hauptperson.

Ich hätte es begrüsst wenn die Autorin uns die Gelegenheit gegeben hätte, mehr über die Politik der Stadt und des Bischofsmacht in Würzburg zu erfahren. Am Ende steht der Leser recht hilflos da und kann nicht mal ahnen wie es weitergehen könnte, ganz gleich ob es nun Elisabeth oder den Bischof betrifft. Elisabeth ist am Ende loyal und macht eine emotionale Kehrtwendung und wirft damit die Frage auf, wie ehrlich und selbstlos sie doch ehemals als Dirne gehandelt hat und nun nicht mehr?! Vergisst man jegliche Moral und Anstand wenn man wieder den Platz einnimmt, den man sich nicht erarbeitet hat, und nur hineingeboren wurde?!

Über die Vergangenheit der beiden in Titel genannten Personen erfährt der Leser nicht viel. Egal ob nun Vergangenheit, Gegenwart oder evtl. Zukunft sind alle Schilderungen nur schwach umrissene Momentaufnahmen die die Option auf neue Geschichten ausrichtet.

Fazit

„Die Dirne und der Bischof“ ist spannend und unterhaltsam und gerade die Frauen unter den Lesern wird der Roman zusprechen. Wer sensibel ist, wird Verständnis für Elisabeth haben und über einige erzählerische Lücken und logische Fehler hinwegsehen.

Die Geschichte der angerissenen Konflikte zwischen Kirche und Bürgertum, zwischen arm und reich, Politik und Gesetz sind interessant und sauber recherchiert, wenn auch leider zu wenig Platz eingeräumt. Gesellschaftliche Wert und Normen sind korrekt erwähnt und auch am Ende des Romans zwischen „Dichtung und Wahrheit“ erklärt. Ebenso bildet ein konzentriertes Glossar und Personenregister ein rundes Gesamtbild.

Die „Dirne und der Bischof“ wird sich gut einreihen in die Vielzahl von historischen Frauenschicksalen in der unruhigen aber prägenden Zeit des Mittelalters die von vielen Autoren auch erfolgreich verkauft wird.

Es könnte eine Fortsetzung der Geschichte um die „Dirne“ geben, denn auch wenn der Leser jetzt weiß, was passiert ist, so weiß er am Ende des Romans nicht wie es weitergehen wird. Ein strategisch wichtiger Aspekt, nur hoffentlich geht es nicht über „Generationen“ weiter.

Michael Sterzik





1 Kommentar:

Michael Petrikowski hat gesagt…

Nun erscheint mit „Das Antlitz der Ehre“ die spannende Fortsetzung des Mittelalterepos.

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