Montag, 3. November 2008

Scott Lynch - Sturm über Roten Wassern

Meisterdiebe oder Gentlemandiebe stehen zwar rechtlich gesehen auf der dunklen Seite des Gesetzes, doch üben diese finsteren Gesellen doch eine gewisse Faszination auf uns aus.

Dunkle und schummrige Gassen durch die die Langfinger immer auf Deckung bedacht und immer in Schatten laufend auf der Jagd nach Schmuck, Geld oder Kunstgegenständen sind. Doch auch "Diebe" können einen Gewissen haben, oder sagen wir eine Berufsehre der es ihr erlaubt sich ihre eigenen Gesetze zu schaffen, oder sagen wir besser Richtlinien für ein erfolgreiches Ganovenleben.

Die Kunst des professionellen und unrechtmäßigen Entwenden ist nicht dieser Prozess als solcher, sondern doch eher wie kommt man davon ohne erwischt zu werden?

In der Fantasy ist die Figur des Meisterdiebes sicherlich ein fester Bestandteil bei den komplexen Charakteren, aber er ist immer oder meistens eine Nebenfigur mit fast schon klischeebehafteten Eigenschaften. Meistens stehlen die Diebe nur, manchmal sind sie in Gilden oder Zünften organisiert und meistens sind sie auch das unterste Glied ihrer Gesellschaft.

Der Autor Scott Lynch versucht aber diese Tradition zu umgehen und hat schon in seinem Erstlingsroman " Die Lügen des Locke Lamora" wie tiefsinnig, witzig, spannend aber auch gefährlich ein Meisterdieb und seine Bande sein können.

Im zweiten Teil der auf mehrere Bände ausgelegten Reihe "Sturm über Roten Wassern" knüpft der Autor nur wenige Zeit später an.

Inhalt

Locke Lamora ist ein Meisterdieb, ein Lügner, aber auch ein wahrer Gentleman. Seit seiner Kindheit ist er professioneller Dieb, ausgebildet und trainiert in vielen, vielen Richtungen. Er ist alles andere als ein naiver, einfältiger Ganove, er weiß immer was er tut, leider überschätzt er sich so manches Mal, aber wie es sich für einen Dieb gehört, hat er immer noch ein letztes Ass im Ärmel.

Sein letzter Coup auf Camorr, seiner Heimat läuft aber nicht so glimpflich ab wie gewünscht. Seine Diebesgruppe wird aufgerieben und getötet, doch kann er und sein Freund und Vertrauter Jean Tannen, ebenfalls ein Meisterdieb sich an den Verantwortlichen tödlich rächen. Doch am Ende auch wenn Locke und Jean es überlebt haben, so haben sie sich mehr Feinde als Freunde geschaffen. Mordsgefährliche Feinde die es ihnen unmöglich machen in Camorr zu bleiben.

Über das Meer fliehen sie in die Küstenstadt Tal Verrar. Aber dort angekommen versinkt Locke angesichts seiner Schuld und den Tod seiner Freunde in tiefe Depressionen. Jean Tannen sein bester und einigster Freund holt ihnen seiner Schwächen bewusst aus der grauen Lethargie und wenig später sind die beiden Gentleman-Ganoven wieder voll in ihrem Metier. Ihre Kassen füllen sie wieder mit kleinen Gaunereien die sich an den Spieltischen im Sündenturm verdienen. Der Sündenturm ist wohl das luxuriöste und angesagteste Casino in Tal Verrar. Und seinem Ruf zufolge kann man an seinen Spieltischen nicht schummeln, manipulieren oder betrügen! Wer es dennoch versucht, dessen freier Fall bedeutet für den Schuldigen den Tod am Fuße des Turmes.

Herr über Leben und Tod in diesem Turm der Sünden und des Spieles ist "Requin". Ein grausamer, charismatischer Despot der über Unterwelt herrscht und auch den Geldadel der Stadt nicht unbekannt ist.

Locke und Jean träumen aber nicht von Geldgewinnen an den Spieltischen, ihr Ziel ist Requins Tresor, der durch Fallen und Vorsichtsmaßnahmen als nicht zu knacken gilt. In diesem Tresor lagern nicht nur die Schätze der Unterwelt sondern auch die Obrigen aus Tal Verrar haben hier ihre Gelder aus der Sicht der Finanzämter in Sicherheit gebracht.

Beim ihrem letzten Spiel "Schwips-Vabanque" schummeln und gewinnen die beiden ausgekochten Diebe und gewinnen damit die Achtung von Requin der Locke und Jean schon länger beobachten lässt. Locke bietet Requin seine Dienste und eröffnet ihm, dass man durchaus bei den verschiedenen Spielen im Sündenturm betrügen kann. Mit Requin geht er persönliches Geschäft ein, in der Hoffnung natürlich mehr über den Tresor erfahren zu können.

Doch es tauchen einige Probleme auf. Nicht nur ein Mordanschlag ist Locke und Jean gewidmet, denen sie immer abwehren können. Sind es die Soldmagier die ihnen nachstellen?! Schließlich hat Locke einen von Ihnen gefoltert und verstümmelt, aber am Leben gelassen, auch wenn dieser Soldmagier für den Tod einiger Freunde verantwortlich ist.

Desweiteren wird der Todfeind Requins, der Archont Stragos mit seinen politischen Intrigen ebenfalls zur Gefahr und schafft es Locke und Jean reinzulegen und mit Erpressung sich der Dienste der beiden Meisterdiebe zu sichern. Geschickt und durchtrieben mischt er seinem edlen Wein ein tödliches Gift bei, dass über Monate still in den beiden Körpern verbleiben wird und nur seine Tödliche Wirkung ausgibt, wenn Locke und Jean nicht binnen zwei Monate das Gegengift erhalten. Und nur Stragos bzw. sein Alchemist kennen die Zusammensetzung des latenten Giftes.

Stragos weiß sehr genau was er von den beiden Gentleman-Ganoven möchte. Politisch gesehen ist seine Rolle als Despot von Tal Verrar ein wenig unwichtiger geworden. Es gibt keine Bedrohung gegen die er die Stadt als heroischer Hüter verteidigen kann, also schafft man sich kurzerhand einen Feind den man glorreich vernichtend schlägt.

Locke und Jean sollen also auf einem alten Schiff nautische Grundbegriffe lernen um so einer wilden zusammengewürfelten Mannschaft vorzugaukeln, dass sie erfahrene Seebären sind. Ein Angriff auf die Stadt wäre dann ja eine großartige Bedrohung dem Stagros seine Macht entgegenzusetzen hätte.

In einem Schnellkurs durchlaufen die beiden Hochstapler und Landratten also ein paar Wochen um das Piratenschiff befehligen zu können, jedenfalls soll es so aussehen als hätten sie die Lage immer vollstens im Griff.

Doch die Götter des Meeres die sie anscheinend verärgert haben schicken einen Sturm und der alte Seebär erleidet einen tödlichen Herzanfall, und so stehen die beiden Schlitzohren recht alleine da. Im Körper das schleichende Gift, unter den Füssen das Deck eines schwankenden Schiffes in einem Meer mit Gefahren die sie nicht begreifen wollen und können. Aber die beiden Meisterdiebe finden auf dem Meer einen recht steinigen und improvisieren, nur mit einem kleinen Manko, sie werden von richtigen Piraten gefangen genommen und die haben ihre ganze eigenen Pläne und Absichten, auch mit Locke und Jean die wiederrum zu einem Spielball geworden sind…….

Kritik

"Sturm über Roten Wassern" ist wie sein Vorgänger "Die Lügen des Locke Lamora" Fantasy im Breitbildformat. Beide Romane sind nicht nur im Genre Fantasy einzuordnen, es könnte auch ebenso Abenteuerromane sein. Scott Lynch schreibt rasant, verleiht seinen Helden allen voran Locke und Jean charakterliche Tiefe und vergisst aber dennoch erfreulicherweise die Bösewichter dabei nicht.

Als Schauplatz wählte der Autor wie es der Titel suggeriert das Meer, und deswegen wird man wohl unweigerlich an großartige Mantel und Degen Filme erinnert. Tal Verrar hingegen wirkt ähnlich wie Camorr mit etwas italienischem Ambiente. Scott Lynch erzählt wie im ersten Roman auch, als er beschrieb wie Locke ausgebildet wurde, viele Nebengeschichten die am Ende aber zusammenführen und ein Gesamtbild ergeben.

Mit vielen unerwarteten Wendungen belebt er die Geschichte um die Gentleman-Ganoven und verleiht der Geschichte großartige Spannung und Tiefgang wie man es nur sehr selten erlebt. Das Tempo ist gigantisch, aber wundersamer Weise bleibt hier nichts auf der Strecke. "Sturm über Roten Wassern" ist aber nicht nur spannend und unterhaltsam, stellenweise gibt es witzige Szenarien, die mit Sarkasmus und Zynismus wunderbar den Leser schmunzeln lassen.

War unser Meisterdieb in "Die Lügen des Locke Lamora" noch ein durchtriebener, jugendlicher Draufgänger voller Egoismus, so ist sein Selbstbewusstsein durch die Geschehnisse arg ins Schleudern gekommen. Locke Lamorra ist erwachsen geworden, die Verluste von Freunden und Verbündeten, seine seelischen wie auch schweren körperlichen Verletzungen haben ihm gezeigt, dass er nicht unverwundbar ist und die Medaille immer zwei Seiten hat die es zu achten gilt.

Er schaut nicht mehr bei ungerechter und brutaler Gewalt gegenüber Einwohnern oder überhaupt Unschuldigen. Sie berühren ihn tief und verwandeln seine Talente in brodelnden Zorn den er nur mit Mühe und mit Jean an seiner Seite kompensieren kann. Seine jugendliche Unbekümmertheit ist gewichen, stattdessen eine tiefgehende Zivilcourage die ihn glaubhaft und tiefgründig haben reifen lassen.

Auch Jean Tannen, der Mann fürs grobe und Lockes laufendes, amtierenden Gewissens wurde von Scott Lynch mit mehr Sinn fürs Detail gezeichnet. Im Gegensatz zum ersten Teil spielt er seine Rolle noch brillianter und entwickelt sich zusammen mit Locke weiter. Seine Individualität kommt diesmal größer zum Vorschein und auch wenn er seinen Freund Locke immer wieder den Kopf gerade rücken muss, so geht er doch ganz eigene Wege, auch lässt er wie sein Kompagnon viel mehr Gefühl zu.

Opfer der beiden Gentleman-Ganoven ist nie der kleine Mann der am Existenzminium lebt. Ihre Opfer für ihre Betrügereien und Gaunereien sind immer die geschützten Mächtige und Reichen die es auszurauben gilt, aber nicht nur das ausrauben ist ihr Ziel, ihre Opfer werden gesellschaftlich an den Pranger gestellt und es soll mehr als nur ein Denkzettel sein.

Auch in "Sturm über Roten Wassern" läuft nicht alles nach Drehbuch für die Gentleman-Ganoven. Wieder einmal gibt es persönliche Opfer zu bringen, es gibt tragische Verluste und derbe Niederlagen, aber auch immer wieder Licht am Horizont für die Protagonisten.

Die Geschichte übt eine Faszination aus, neben viel Action auf rauer See und kämpfenden Korsaren, konzentriert sich Scott Lynch im Wesentlichen auf all seine Figuren und ihren Schicksalen. Er verseht es neben dem Spannungsbogen auf noch Schicksale zu erzählen die einen betroffen machen, die einen wirklich rühren.

Fazit

"Sturm über Roten Wassern" ist ein eigenständiger Roman, dennoch empfehle ich es außerordentlich, dass es wichtig ist den ersten Teil "Die Lügen des Locke Lamora " zu lesen. Nur dann kann man die Absichten und die Entwicklung der beiden Charaktere von Locke und Jean von allen Seiten her betrachten.

Der Roman ist mit das spannendste was ich im Genre Fantasy gelesen habe. Und die Basis der Geschichte sind keine übernatürlichen, unmenschlichen Kräfte oder gar Magie. Nein, es sind kleinen überschaubaren Charaktere die der Geschichte eine Seele geben und Locke Lamora ein Gesicht. Er ist kein Held, er nicht sonderlich gut oder böse, er besteht aus viel Licht, aber auch Schatten, und ist mit seinen Gaunereien und Verfehlungen äußerst menschlich geschildert.

Selten habe ich einen Roman gelesen, bei dem man mit den Charakteren derartig mitfühlt und fiebert. Scott Lynch kann ich hier meinen größten Respekt zollen und mich für wirklich schöne Stunden des Lesens bedanken.

Ich kann die beiden Bücher kompromisslos empfehlen, und ich freue mich schon auf den dritten Teil der Gentleman-Ganoven wenn sie wieder zum Tanz bitten, denn die Abenteuer um Locke gehen weiter…..

Autor

Scott Lynch wurde 1978 in St. Paul, Minnesota geboren. Er übte sämtliche Tätigkeiten aus, die Schriftsteller im Allgemeinen in ihrem Lebenslauf angeben: Tellerwäscher, Kellner, Web-Designer, Werbetexter, Büromanager und Aushilfskoch. Zurzeit lebt er in New Richmond, Wisconsin. "Die Lügen des Locke Lamora", sein erster Roman, wurde auf Anhieb ein riesiger Erfolg.

Produktinformation
Taschenbuch: 944 Seiten 
Verlag: Heyne TB (30. Mai 2008) 
Sprache: Deutsch 
ISBN-10: 3453531132 
ISBN-13: 978-3453531130

Michael Sterzik 



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