Dienstag, 18. November 2008

Mafia - Petra Reski

Im August letzten Jahres wurden vor der Duisburger Pizzeria „Da Bruna“ sechs Italiener kaltblütig getötet. Es war mehr als ein bloßes Massaker, eher ein kaltblütig, ausgeführte Auftragsmord. Die Opfer stammten alle aus dem kleinen Dorf San Luca, ein kleines Dorf in Kalabrien, es ist quasi eine Zentrale oder einer der Hauptsitze der Ndrangheta.

Aus Filmen kennen die „Mafia“ sehr wohl. Seit den Filmen „Der Pate“ von Francis Ford Coppola und der Fernsehserie „Allein gegen die Mafia“ glaubten viele ein heroisiertes Bild der Ehrenwerten Gesellschaft zu haben. Die „Mafia“ gehe uns nichts an, sie ist ein immer aktuelles Thema in Italien, vormals Sizilien und das hat in Europa oder überhaupt in Deutschland keine oder kaum Auswirkungen.

Seit diesem Mafiamord lächelt die Fratze des organisierten Verbrechens auch auf Deutschland. Wie faszinierend das Thema „Mafia“ auch ist, die Wirklichkeit ist eine ganz andere, eine viel bedrohlichere als wir es ahnen. In Italien ist die „Mafia“ mit ihren verschiedenen Strutkturen wie der Cosa Nostra oder der Ndrangheta längst nicht nur zu einer wirtschaftlichen Macht geworden, auch innenpolitisch ziehen sie mit Sicherheit die Fäden an denen Politiker nur noch als Marionetten funktionieren. Korruption, Familienehre, Rachefehden, Interessen die über Freundschaft hinausgehen – um die Mafia und ihre Geschäftspolitik zu verstehen reichen oberflächige Hollywoodfilme nicht aus.  Die Mafia durchdringt also alle gesellschaftlichen wie auch poltische Kreise und die Wellen die diese Organisationen schlagen, haben längst schon Deutschland erreicht.

Petra Reski befasst sich schon lange mit der ehrenwerten Gesellschaft Italiens und ist zu einer wahren Expertin geworden was die Strukturen, Methoden und Theorien der Mafia angeht.

Inhalt

Mafia – Seit dem Morden an dem Antimafia-Anwälten Falcone und Barsolini ist die Existenz der Mafia nicht mehr zu leugnen. Mit den beiden bei Attentaten ermordeten Juristen ging die Mafia zu weit, längst waren sie danach nicht mehr unsichtbar oder unangreifbar. Im Gegenteil, durch diese brutalen Taten wurden erst Recht Gesetzte erlassen die es der Mafia schwieriger machen ihren Geschäften in Italien einen legalen Touch zu geben. Gelder, Immobilien, Inventar, alles kann konfisziert, bzw. durch die staatlichen Behörden beschlagnahmt werden, so fern nur der Hauch eines Verdachtes besteht, dass man einer mafiösen Vereinigung angehört. Abhören verdächtiger Personen ist Alltag für die Beamten und man erkennt, dass das kriminelle Muster analytisch begreifbar wird, nicht unangreifbar aber dem Staat blieb nichts anderes übrig als umzudenken. Auf dem Schachbrett der illegalen Geschäfte mußte nun auch die Mafia reagieren und bewegt nicht nur Bauern, sondern auch Türme über Landesgrenzen hinweg. In Deutschland mit seinen liberalen Gesetzen und Vorschriften hat die Mafia ein wahres Paradies gefunden um „Blutgeld“ sauber waschen zu können. Unzählige Investitionen in Hotels und Restaurants sind genug Tarnung und geben ihren ganzen Finanzmarkt dass Mäntelchen der Legalität.

Welches System steckt hinter der Mafia? Diese Frage und einige Antworten dazu sind der Inhalt des Buches „Mafia“ von Petra Reski. Mafia bedeutet „Familie“ einmal in erster Linie wirkliche Blutsverwandte, zum anderen „Mitglieder“ die streng in einer Hierarchie das Grundgerüst bilden. Das Herz und die Seele der Mafia sind die Frauen der Bosse, sie organisieren Waffenverstecke und Käufe, setzen sich für Alibis ein, geben aber auch Mordbefehle und sind ausführende Machtmittel wenn der eigene Mann im Gefängnis sitzt. Die Charakterisierung der Frau ist deutlich aber erschreckend beschrieben. Gerade wenn auch Kinder und heranwachsende Jugendliche innerhalb der Familie in die illegalen Geschäfte eingeführt werden. Ehre und Gewissen stehen hier im Vordergrund, und es sind keine leeren Worte. Die Frauen sind das Fundament der Mafia, der Grundstein ihrer Existenz und ihres Überlebens.

Geschäft ist Geschäft und Krieg ist Krieg. Die Mafia ist sehr pragmatisch und scheut sich auch nicht davor durch Mord seine Interessen zu schützen. Nicht umsonst nennen sich die Mitglieder und Killer der Mafia Soldaten, genauso empfinden diese, sie schützen ihren „Staat“ und deren Politik und auch wenn ein Killer den besten Freund umbringen muss, so gehört dies eben zum Geschäft. Es ist nichts Persönliches.

Petra Reski erzählt in ihrem neuesten Buch wie sich die Mafia selbst sieht, wie sie vorgeht und wie sie ihre Verbrechen ausüben. Sie interviewte Bosse der Mafia und Ehefrauen derer die von diesen im Auftrage getötet wurden, ebenso kommen „Priester“ zu Wort, die mehr scheinheilig wie „heilig“ ihre „Schäfchen“ sehen und sich auf ihre Ehre und ihr Pflicht stützen, bleibt allerdings nur die Frage ihres Gewissens offen?! Aber es gibt auch Anti-Mafia Priester die nicht den Status eines Unantastbaren haben der sie vielleicht schützen könnte – Gott verzeiht, die Mafia nie, ein Motto das an dieser wahren Aussage leider keine Zweifel lässt, den die vergangenen Taten legen durchaus Zeugnis ab.

Auch fallen klare Worte gegen die politische Regierung Italiens. Silvio Berlusconi wäre ohne die Hilfe der Mafia nicht zu einer solchen Mehrheit gekommen. Wählerstimmen zu kaufen, quasi gefügig zu machen war und ist Plan der Mafia. Ohne Unterstützung durch die Politischen Ebenen wäre die „ehrenwerte“ Gesellschaft zum Scheitern verurteilt. Die Auswirkungen der Mafia auf die politische, wirtschaftliche und auch kulturelle Entwicklung in Italien, ist an Dramatik kaum zu übertreffen. Die Mafia ist kein italienisches Phänomen, dass macht das Buch schnell klar. Und auch die Mafia setzt sich mit dem Fortschritt auseinander, nicht nur Drogen, Schutzgeld und Entführungen, nein – auch Müll wird zu Geld vermacht und Wirtschaftsverbrechen nehmen zu, denn gerade dann wenn Politik die Bühne der Mafia betritt wird es für den Staat noch schwerer die Mafia zerschlagen zu können, oder einen Weg zu finden diese in ihre Schranken zu weisen.

Kritik

Petra Reski erzählt die Vita der Mafia spannend und nicht ohne an persönlichen Nebengeschichten zu sparen. Das Buch ist durchweg spannend und informativ beschrieben, gerade die gesellschaftlichen Rollen einzelner sozialen Stellungen wie der der Frau oder eines Priesters der seine Schäfchen deckt und nicht denunziert, der selbst ein Vertrauter ist ohne sich auf das Beichtgeheimnis zu berufen sind, stützen sich auf Interviews die sie geführt hat.

Wer so blauäugig und naiv ist, der glaubt die Mafia hat erst mit dem Duisburger Morden die Grenzen der Bundesrepublik Deutschland überschritten wird in diesem Buch sicherlich einen „Aha-so-ist-das-also“ Effekt erleben, wogegen andere die sich mit dem Organisierten Verbrechen und ihren Strukturen befasst haben, nichts neues lesen.

„Mafia“ ist einzigartig, weil so emotional beschrieben wird wie es in Italien funktioniert. Aber die wichtigen Themen werden nur in kurzen Momentaufnahmen angerissen, um wenige Seiten später wieder ein anderes anzugehen. Dabei wird leider viel zu viel vergessen. Und die Ndrangheta ist keinesfalls direkt zu vergleichen, mit z.B. der Camorra oder der Cosa Nostra, welche Unterschiede oder politischen Einflüsse von welcher Organisation kommen, wie diese untereinander zusammenarbeiten oder sich gar bekriegen wurde mir durch das Buch nicht klar.

Die Geschichten, Romane und Biografien verschiedener Bosse sind zu Zeit literarisch inflationär. Nicht nur Bücher sonder auch politische Nachrichtenmagazine erklären, drohen und warnen vor dem Phänomen der Mafia, die man auch die „Krake“ nennt. „Mafia“ von Petra Reski birgt keine neuen Erkenntnisse, viele Inhalte konnte man schon an anderer Stelle nachlesen, und das weitaus konzentrierter und inhaltlich tiefer wie hier.

Was Frau Reski gut gelingt ist die Gefahr zu erklären die von der Mafia ausgeht, gerade ihre wirtschaftliche Macht ist nicht zu unterschätzen und die Deutsche Gesetzgebung ist auf eine solche Bedrohung von außen nicht eingestellt, nicht im mindesten, auch die Zusammenarbeit zwischen italienischen und deutschen Behörden ist kompliziert und verworren. Die Italiener haben gelernt „just in time“ zu reagieren, wogegen hier die gesetzlichen Mühlen langsam drehen.

Fazit

„Mafia“ von Petra Reski ist eine thematische Einleitung, und beinhaltet keine neuen Fakten oder überraschende Erklärungen. Die Schwäche des Buches sind die vielen kleinen Nebenschauplätze in denen sie persönlich involviert ist, daher wirkt das Buch auch eher in manchen Szenen wie ein Roman, deplatziert und überflüssig und nicht wie ein Buch das glasklare Strukturen und Aussagen für den Leser bereithält die man glauben und nicht milde belächelt.

Zu empfehlen ist dieses Buch nur bedingt, und nur für die Leser geeignet die eine kurzen Abriss, eine Einführung erwarten. Gerade für Frauen ist „Mafia“ prädestiniert, denn die gesellschaftliche Rollenverteilung wird hier besser beschrieben wie die politische oder verbrecherische Ebene die für die männliche Leserschaft durchaus interessanter sind.

Autorin:

Petra Reski, geboren 1958 im Ruhrgebiet. Nach Studium Besuch der Henri-Nannen-Schule und Redakteurin beim STERN. Ab 1991 freie Autorin mit Wohnsitz Venedig. Publikationen sowie Arbeit für die Zeitschriften Amica, Brigitte, GEO, ZEIT und Merian und den Rundfunk.

Michael Sterzik


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