Sonntag, 9. November 2008

Leichenraub (Tess Gerritsen) Rezension


Im Jahre 1830 war die Medizin in Europa und Übersee z.B. in den USA für ihre Zeit recht fortschrittlich. Universitäten mit ihren erfahrenen Doktoren und Professoren der Medizin bildeten die angehenden und zukünftigen Ärzte theoretisch und praktisch aus. Ärzte galten damals auch schon der sozialen Oberschicht an und Studenten aus armen Hause mussten entweder zu Geld gekommen sein, oder ein einflussreicher Gönner ebnete den jungen Mann den Weg zu Respekt und Einkommen.

In den Krankenhäusern war der Chefarzt im Grunde ein Alleinherrscher, ein Gott in Weiß und für viele Kranke die letzte Hoffnung. Assistenzärzte und Studenten wurden ausgenutzt und oftmals mit sich und dem Patienten alleingelassen. Hygiene in den Hospitale und Krankenhäuser war nur wenig bekannt und wurde nicht umgesetzt, oftmals einfach nur aus Unkenntnis.

Wie es auch heute der Fall ist, mussten die jungen Männer „Leichen“ obduzieren um den menschlicher Körper und seine komplizierten, aber komplexen Organe analytisch und mit den Augen und Fingern eines Mediziners sehen zu können. Typische Krankheitszeichen oder Mängelerscheinungen konnten so identifiziert werden und Rückschlüsse auf den Krankheitsverlauf aufzeigen.

Mit der steigenden Anzahl von Universitäten stieg ebenso die Nachfrage nach „Leichen“ die obduziert werden konnten. Hingerichtete Verbrecher wurden per Gesetz auf den Sektionstisch der angehenden Studenten gelegt und für Studienzwecke seziert, aber sonst gab es nur die illegale Möglichkeit für die Medizinischen Hochschulen „geraubte“ Leichen von zwielichtigen „Leichenräubern“ zu kaufen. Natürlich galt so eine Tat als ungesetzlich und auf dieses Vergehen erwartete den Leichenräuber der Galgen, doch das Geld das man für eine „frische“ Leiche bekommen konnte, war es wert das Risiko einzugehen.

Tess Gerritsen hat in ihrem neusten Roman „Leichenraub“ erschienen im Verlag „Limes“ diese Themen in einem spannenden Roman Leben und Raum gegeben.

Inhalt

Julia Hamil die gerade ihre Ehe beendet hat und ein Haus samt Anwesen in Boston gekauft hat stürzt sich die Restauration und Renovierung ihres neuen Heimes. Haus und Garten bedarf neben ihrem persönlichen Selbstbewusstsein eine Menge an Aufarbeitung. Bei der Gartenarbeit, bzw. dem umgraben und vernichten von Unkraut und wilden Sträuchern stößt diese auf etwas recht hartes und scheinbar großes, wahrscheinlich ein Stein, den sie in wilder Entschlossenheit ausgraben will. Doch beim näheren hinsehen verwandelt sich der Stein in einem Totenschädel und Julia sieht vor sich nicht mehr ihren neu erworbenen, chaosartigen Garten, sondern vielmehr einen Friedhof?!

Die Leiche wird von der forensischen Abteilung und der Leitung von der Pathologin Dr. Maura Isles ausgegraben und untersucht. Es handelt sich um die Gebeine einer jungen Frau die vor ca. 200 Jahren ermordet wurde. Rückschlüsse anhand der Verletzungen des Schädelknochens lassen keine andere Vermutung zu.

Geschockt und verwirrt fühlt sich Julia in ihrer neuen Bleibe etwas unwohl, auch die Vorbesitzerin, eine alte Frau fand man leblos in ihrem Garten, allerdings war sie da schon seit knapp drei Wochen tot. Nur wenige Tage später bekommt Julia einen Anruf aus Maine, es ist der Cousin der Vorbesitzerin – Henry Paige der alle Dokumente der alten Frau die in sechs Kartons sind, besitzt. Ihn interessiert was es mit den alten Knochen auf dem Anwesen auf sich hat. Wer war die junge Frau die einen gewaltsamen Tod starb und heimlich verscharrt wurde? Anhand der Dokumente versucht er und Julia die Vergangenheit zu rekonstruieren um etwaige Hinweise zu finden, was sich vor knapp zwei Jahrhunderten abgespielt haben könnte.

Die alten Briefe, unterzeichnet von einer Person mit den Initialen O.W.H schicken Julia und Henry in das Jahr 1830 in Boston. Hier ist der Tod allgegenwärtig in den Armenvierteln der Stadt und den Krankenhäusern der wachsenden Stadt.

Der junge Student Norris Marshall der an der Medizinischen Fakultät in Boston studiert und auf einer Farm in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen ist, verdient sich etwas Geld für seinen Lebens- und Ausbildungsunterhalt mit dem ausgraben und verkaufen von Leichen an diese Medizinische Hochschule. Er ist ein talentierter und ehrgeiziger Medizinstudent, der in der Medizin seine wahre Berufung sieht, und davon träumt später ein angesehener und erfolgreicher Arzt zu sein, so dass er seine soziale Unterschicht hinter sich lassen kann.

Rose Connolly, eine junge irische Frau die gerade in die Staaten ausgewandert ist um sich eine neue Existenz aufzubauen wacht in einem Bostoner Krankenhaus am Bett ihrer Schwester Aurina die kurz vor der Entbindung steht. Hier lernt die junge Frau auch Norris Marshall kennen der mit seinem Doktorvater und anderen medizinischen Studenten die morgendliche Visite durchgeht. Die schwangere Frau ist schwach und unkontrollierte Blutungen setzen eine komplizierte Geburt in Gang. Kurz nach der Geburt stirbt Aurina an Schwäche und Meggie ihrer neugeborenen Tochter droht das Waisenhaus, doch Rose fühlt sich ihrer Schwester verpflichtet und nimmt sich ihrer jungen Nichte an. Sie arbeitet als Schneiderin für ihren Schwager, einen Trinker und groben Mann der nur seine Vorteile und seinen finanziellen Vorteil sieht. Selbst nach dem Tod seiner Frau Aurina kennt er keine Hemmungen und sucht im Nachlass seiner Ehefrau nach einer goldenen Kette.

Doch Rose hat diese für das anständige Begräbnis ihrer Schwester versetzt, sie wollte nicht, dass sie anonym in ein Massengrab beigesetzt wird, wie es sonst bei armen Menschen die Regel ist.

Eines Abend entdeckt Rose in der Nähe des Krankenhaus die Leiche einer Krankenschwester die fast ausgeweidet wurde, die Tat musste in den letzten Minuten geschehen sein und Rose sieht einen dunkelgekleideten Mann mit einem weißen, todesähnlichen Gesicht der sich ihr nähert, sie flieht panisch durch die dreckigen Straßenschluchten und läuft Norris Marshall der mit einem Studienkollegen unterwegs war in die Arme.

Als in den nächsten Nächten wiederum eine Krankenschwester dem „Reaper“ zum Opfer fällt und Norris durch Zufall die verstümmelte Leiche findet, wird er selbst zum Tatverdächtigen. Denn die Verletzungen der toten Frauen legen den Verdacht nahe, dass es sich um jemanden handeln muss der medizinische Kenntnisse vorweisen kann, bzw. der vielleicht früher Tiere wie Kälber und Schweine getötet und ausgenommen hat. Beides hat spricht daher als Indiz gegen den jungen Medizinstudenten der nun um seinetwillen den wahren „Sensenmann“ den er leibhaftig bei dem zweiten Opfer gesehen hat, finden muss. Sonst stehen seine medizinische Laufbahn und sein Leben in Gefahr ausgelöscht zu werden.

Rose hingegen die er als Zeugin benötigt und zu der er sich immer mehr hingezogen fühlt, wird von einem Unbekannten Mann gebeten ihre Nichte Meggie zu überlassen, gegen ein großzügiges Entgelt, dass alle ihre finanziellen Sorgen und Nöte im nu verschwinden lassen könnte. Doch Rose ist nicht bestechbar und sieht sich nun zusammen mit ihrer kleinen Nichte einer Gefahr ausgesetzt, die sie nicht erkennen kann. Verzweifelt wendet sie sich vertrauensvoll an Norris Marshall und bringt sich damit noch mehr in Gefahr.

Kritik

Tess Gerritsen hat mit „Leichenraub“ einen Thriller geschrieben der nicht die Reihe um Dr. Maura Isles fortsetzt. Im Anfang kommt sie kurz vor als sie Julia darauf hinweist, dass die junge Frau dessen Skelett sie im Garten gefunden hat, ermordet wurde. Also nur ein kurzes Gastspiel, aber die Haupthandlung ist spannend und interessant und kommt ohne die erfahrene Pathologin aus.

„Leichenraub“ ist mehr ein historischer Krimi und ziemliches literarisches Neuland auf das sich die Autorin Gerritsen bewegt. Ihre Sache macht sie aber formidabel und gekonnt einfallsreich spannend. Die Story spielt sich in zwei Zeitebenen ab, einmal natürlich die Gegenwart in der die junge Frau Julia mit ihrer schaurigen Entdeckung und ihrer Recherche den Part mimt und im Jahre 1830 die den historischen und größten Teil einnimmt.

Tess Gerritsen die selbst Ärztin ist, weiß wovon sie schreibt und wie sie plastisch und realistisch ihr Wissen spannenden den Leser vermittelt. Die Medizin ist hierbei die hauptsächliche Figur die den menschlichen Protagonisten so manches Mal den Platz auf der Bühne nimmt. Die Behandlungstechniken, die Hygiene der damaligen Zeit, die Forensik, Pathologie musste ohne die technischen Möglichkeiten der heutigen Zivilisation klarkommen und viele kranke Menschen mussten nicht aus „Dummheit“ der Ärzte sterben, sondern aus mangelnden Wissen das aber auch zum größten Teil nicht die Schuld der Mediziner war. Ohne Antibiotika, Penicillin, sowie der Radiologie und sonstiger, medizinischer Technik waren die Ärzte nur auf ihr Wissen angewiesen dass sie entweder selbst erlernt haben oder sich durch Kollegen und Experimente selbst aneignen konnten. Auch diese Aspekte erklärt die Autorin interessant und lehrreich und Medizin kann wirklich sehr, sehr spannend erzählt werden.

Die Story eines Frauenmörders ähnelt natürlich sehr seinem Englischen Verwandten „Jack the Ripper“, auch dieser hat oder muss medizinische Grundkenntnisse gehabt haben, laut der neuesten Forschung, also im Grunde ist die Idee eines unheimlichen Frauenmörders nichts neues. In der Handlung gibt es wenig überraschendes, einem Muster gleich wird der Leser schon gegen Ende der Handlung wahrscheinlich richtig kombinieren und die Identität des Täters offenbaren. Die Handlung, die Entwicklung die Protagonisten und ihr Zusammenspiel sind dagegen spannend und abwechslungsreich, aber auch nur unter dem Deckmantel des Medizinischen Hintergrundes. Die Grundstimmung ist unheimlich, die düsteren Hinterhöfe und Straßen Bostons, die mangelnde Hygiene in den damaligen Krankenhäusern und auch die Detailreiche Schilderung der Sektion eines Leichnams oder den Raub einer Leiche im Schutze der Nacht auf einem Friedhof jagen dem Leser einen wohligen Schauer über den Rücken.

Die Protagonisten sind stark gezeichnet, allen voran der talentierte Jungstudent Norris Marshall der seiner Vergangenheit entfliehen möchte und jede Mühe auf sich nimmt seine Zukunft möglichst erfolgreich und beständig abzusichern. Von Rose Connolly erfährt der Leser dagegen nur das nötigste an Vergangenheit um der Handlungswillen, ihr Part spielt zwar um 1830 wogegen dort ihre Aktivität in der Handlung viel Platz gewinnt und man mit ihr als tragische Gestalt wahre Sympathie entdeckt.

Als Kritikpunkt empfinde ich den Gegenwärtigen Handlungsstrang, der mir total überflüssig erscheint, hier hätte es gar keinen Wechsel zwischen den zeitlichen Ebenen geben sollen. Zu verwirrend sind die Sprünge und die Erklärungen, am Anfang und am Ende sind diese gut platziert, aber zwischendurch hemmen sie ein wenig die aufkommende Spannung.

Fazit

„Leichenraub“ von Tess Gerritsen ist ein zu empfehlender Thriller der wirklich gut ist. Um das „Prädikat“ sehr gut zu erreichen hätte sich die Autorin auf eine Ebene, die der Vergangenheit beschränken sollen. Ein Historischer Thriller erweckt die Erwartungshaltung gut recherchiert zu sein, sich anhand von Fakten und Beweisen zu stützen was der Autorin großartig gelingt. Ich hoffe, dass sie weitere Thriller schreiben wird die in der Vergangenheit aufgehängt sind, da sie auch hier zeigt wie brillant man Medizin spannend in einem Thriller umzusetzen vermag. Die Geschichte „Leichenraub“ ist allerdings ein in sich abgeschlossener Roman, so dass es keine weiteren Teile oder der Auftakt einer neuen Reihe ist.




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