Sonntag, 18. Mai 2008

Gomorrha - Hörbuch von Roberto Saviano - Rezension von Michael Sterzik



Das Südliche Italien ist mit Neapal ein wunderschöner und malerischer Ort. Als drittgrößte Stadt ist sie neben Rom und Mailand ein wichtiges Zentrum, allerdings weniger unter dem wirtschaftlichen Gesichtspunkt. Vielmehr gibt es wichtige kulturelle Sehenswürdigkeiten, z.B. Paläste, Burgen, Schlösser, Klöster und Kirchen, Kunstausstellungen und Galerien.

Mit knapp einer Millionen Menschen und einer Arbeitslosenquote von ca. 20 – 30% ist dies für die Größe und seinen kulturellen Reichtum eher verwunderlich. Exakte wirtschaftliche Zahlen sind aber schwer zu bestimmen, da die Camorra mit einer Art von Schattenwirtschaft über die Stadt, ja über die ganze Region herrscht.

Die Camorra, eine Verbrecherorganisation die ähnlich wie die Cosa Nostra und die Sizilianische Mafia strukturiert ist. Ein Syndikat das schon längst alles in der Stadt und der Region steuert. Die Wirtschaft ist fest in der Hand des organisierten Verbrechens, still geduldet von Politkern, Stadträten und Bürgermeistern, die aus Angst und Abhängigkeit nicht reagieren können oder wollen, die Polizei und die Staatsanwaltschaft kämpfen einen fast aussichtlosen Kampf. Erpressung und Einschüchterung tun ihr übrigens und immer wieder geraten auch unschuldige Zivilisten in den Bandenkriegen zwischen den Clans und Familien und bezahlen nicht selten mit ihren Leben.

Im Jahre 2006 wurden bis Oktober ca. 700 Morde verübt, gemeldete und die Politiker erwogen schon das Militär in der Stadt einzusetzen. Neapel ist zu einem Schauplatz der Gewalt geworden.

Verbrechen wie Drogenhandel, Produktpiraterie von Luxusgütern wie z.B. Kleidung, durch Korruption und Erpressung werden Großaufträge im Baugewerbe organisiert, hinzu kommt der Waffenhandel und auch die illegale Müllentsorgung die immer mehr an Bedeutung gewinnt lässt die Kassen der Camorra immer mehr klingen

Die Camorra hat keine Angst vor der Staatsanwaltschaft, vor dem Innenministerium, natürliche Feind gibt es nicht und wenn sich jemand gegen die Interessen der Clans und Familien stellt so ist dies gleichbedeutend mit Selbstmord.

Der 28 jährige Roberto Saviano, ein Journalist aus Casal die Principe hat die Geschäftspraktiken der Camorra in seinem Erstlingswerk „Gomorrha“ beschrieben. Dabei geht er so sehr in Detail, schildert die Machenschaften und Verflechtungen der organisierten Kriminalität und hat keine Angst davor die Namen der Oberhäupter der Clans und Familien zu nennen. Gewagt hat so etwas noch niemand und Roberto Saviano ist sich durchaus bewusst, dass sein Mut ihn das Leben kosten könnte.

Er beschreibt die illegalen Geschäfte und wie diese Gelder weiter in legale Geschäfte einfließen, so das die Camorra der größte Arbeitgeber in der Region Neapel geworden ist und auf lange Sicht auch weiter sein wird.

„Gomorrha“ ist ein erschütternder Bericht, kein Roman, aber auch nicht als Sachbuch einzusortieren. Es ist ein gut recherchierter und aufwühlender Tatsachbericht der uns beschämen mag, jeden Menschen der vielleicht von der organisierten Kriminalität profitiert oder bewusst darüber hinwegsieht. Was müssen die Journalisten der Region über den jungen Mann denken der einen solchen Mut aufbringt? Schütteln sie den Kopf oder zollen sie Roberto Saviano Respekt, wenn auch nur in einer stillen und anonymen Art.

Inhalt

„Gomorrha“ ist ein Buch voller düsterer und erschreckender Tatsachen. Roberto Saviano beschreibt geschickt seine Geschichten und damit fesselt er seine Leser wie es nur ein atmosphärisch dichter Roman schaffen kann.

In Italien erschien „Gomorrha“ unter der Belletristik, hier liegt die Vermutung nahe, dass das Verlagshaus Mondadori, dass sich im Besitz des früheren Ministerpräsidenten Berlusconi befindet von dem Gewicht der Wahrheit um die Camorra distanzieren wollte.

Aber es gehört definitiv nicht das Genre „Belletristik“. Die Macht der Camorra und der Strudel der illegalen Gewalt, der Blutrache und den globalen Geschäften kann man sich nicht entziehen, geschweige denn wegschauen oder ignorieren. Das Buch ist gründlich recherchiert und atemlos anklagend geschrieben. Alle Fälle sind aktenkundig und zumindest durch Beweise und Indizien in einer Ehrlichkeit beschrieben die beispiellos ist.

Robert Saviano malt ein Schreckensbild und verbindet diese mit eigenen Erinnerungen und Emotionen. Anklagend, wütend und Empört beschreibt er Fehden und kriegerische Auseinandersetzungen der Clans. Er beschreibt Drogensupermärkte und Schulkinder die mit kugelsicheren Westen Schmiere stehen. Er beschreibt „Unfälle“ auf Baustellen deren Opfer vor Übermüdung und Überanspruchung von Notärzten sterbend nicht behandelt werden, aus Angst sich Feinde zu machen. Angeschossene Opfer werden blutend auf der Straße nicht geborgen, aus Angst die Killer könnten zurückkommen.

Seine Reise durch die Neapolitanische Unterwelt unternimmt der junge Autor zu Fuß oder mit seiner Vespa. Manchmal ist er nur Zuschauer, manchmal auch Beteiligter. Als Hafenarbeiter getarnt schuftet er bei Morgengrauen und löscht Schmuggelware für die Camorra. Wenig später lernt er den Schneider Pasquale kennen, der wie viele seiner Kollegen für einen Hungerlohn Kleider näht die unter einem berühmten Modelabel weiterverkauft werden. Die Unsummen an Profit für die Bosse bedeuten.

Eines Abends beim Fernsehen mit seiner Familie sieht Pasquale im Fernsehen wie die Schauspielerin Angelina Jolie bei der Oscar-Gala über den roten Teppich flaniert. Sie trägt einen weißen Hosenanzug, den er persönlich entworfen und genäht hat. Für einen Hungerlohn hat sein Talent eingesetzt, aber beweisen kann er es nicht, ansonsten wäre dies sein Tod und vielleicht das seiner ganzen Familie. Pasquales Gehalt beträgt 600 Euro im Monat.

Dies ist nur eine kleine Szene aus „Gomorrha“, doch diese beschreibt die Hoffnungslosigkeit und die tiefe Frustration der Menschen die mit „ehrlicher“ Arbeit in ihrer Heimatregion nichts erreichen können. Saviano sieht Monate später den Schneider Pasquale wieder, inzwischen arbeitet er als Fahrer für die Camorra und wird besser bezahlt, in seiner Brieftasche trägt er einen Zeitungsausschnitt: Angelina Jolie im weißen Hosenanzug.

Roberto Saviano beschreibt einige Einzelschicksale wie z.B. auch die eines 32 jährigen Priesters der anklagend gegen die Camorra auftritt und gegen die Verbrecherorganisation predigt. Auch er wird das Opfer von Killern und später wird der Tote auch noch in Tageszeitungen verhöhnt und angeklagt.

Diese persönlichen Eindrücke bleiben den Lesern und Hörern am stärksten im Gedächtnis. Saviano verzichtet nicht immer auf Effekthascherei. Die entspricht auch seiner Wut, seiner Empörung, seiner Klage gegen diese Organisation für die Menschen nur austauschbare und minderwertige Figuren auf der kriminellen Bühne sind.

Man fühlt seine Wut förmlich und seine apokalyptischen Szenen hinterlassen auch beim Leser eine ganze eigene Form von Entrüstung und Entsetzen, z.B. dann wenn der Autor beschreibt wie die Clans den Giftmüll aus Norditalien nach Süden verschaffen. Diesen vergraben sie unter kampanischen Ackerland, es entstehen ganze Landstriche und Hügel in denen Giftmüll lagert. Diese Ländereien werden verseucht wie sie sind verkauft an Bauern die es stillschweigend akzeptieren, was bleibt ihnen auch sonst anderes übrig?! Die Clans verdienen doppelt und dreifach und kennen keine Skrupel, Moral, Recht und Ethik sind in ihrer Sprache nicht vorhanden. Nach Schätzungen der Justiz entsorgte diese Müllmafia im vergangenen Jahr 26 Millionen Tonnen illegaler Abfälle, einen Großteil davon in den Provinzen Caserta und Neapel.

Kritik

Roberto Saviano Erstling ein einziges Schreckensgemälde über die vielleicht blutigste und brutalste Region im Süden von Europa. Die Camorra ermordete allein in diesem Jahr 72 Menschen. In und um Neapel terrorisieren 15 Clans und machen Milliardengeschäfte die in legale Unternehmen reinvestiert werden.

Die Camorra ist der wichtigste Arbeitgeber und mit Hilfe von korrupten Politikern blüht diese immer mehr auf. Über 70 Bürgermeister hat das Justizministerium wegen Amtsmißbrauch abgesetzt. Vielerlei Orts finden sich keine Lokalpolitiker mehr die für die Ämter kandieren wollen.

Saviano aufgewachsen in dieser Welt, seiner Welt beschreibt er für die Tagszeitungen „La Repubblica“ und das Wochenmagazin „L“Espresso“

„Gomorrha“ hat sich in Italien bestens verkauft und eine gesellschaftliche Debatte ausgelöst wie man es noch nicht erlebt hat. In vielen Medien, Radiosendungen, Websites und auch in Leserbriefen wird immer wieder die Frage gestellt: Wie konnte dies alles geschehen?

Roberto Saviano mußte seine Wohnung in Neapel räumen und nach Morddrohungen erhält und steht er nun unter Polizeischutz. Ein Schriftsteller der mit seinem Buch zwar weltberühmt wurde, aber auch zum Vogelfreien erklärt wurde.

Seine deutschen Leser und Hörer können sich vielleicht im dunklen, gefährlichen Wald von Namen der Familien verirren, aber sie können sich nicht der Wahrheit entziehen.

Neapel ist zu einem Landstrich geworden in denen die Grenzen von Geschäft und Mord, von Hölle und romantischen Ferienland fließend geworden sind.

Saviano schreibt: "Ich bin geboren im Land Camorra, wo mehr Menschen ermordet werden als irgendwo sonst in Europa, wo Geschäftemacherei und brutale Gewalt unauflöslich miteinander verbunden sind und nur das einen Wert besitzt, was Macht verspricht." Denn im Grunde geht es, allen Überhöhungen der Organisierten Kriminalität, allen Legenden um "Scarface", allen geheimen Ritualen und mystischen Bünden zum Trotz, nur um eines: Es geht um Geld. So einfach ist das.

Die Camorra oder auch „il sistema“ das System ist ein gigantisches Wirtschaftsimperium und Saviano beschreibt mit scharfen Worten anklagend dieses System. Aber sein Buch ist auch eine Mahnung, eine Aufforderung die Augen zu öffnen, Stellung zu beziehen und gegen „das System“ anzukämpfen.

Wer vielleicht die Inhalt des Buches anzweifelt, dem sei gesagt das die Einzelschicksale auf Fakten beruhen. Saviano hat nicht nur unzählige Prozessakten gesichtet und ausgewertet sonder auch unter Gefahr persönlich recherchiert.

Fazit

„Gomorrha“ ist ein düsteres Buch. Die Reise in das Reich der Camorra wird aufwühlend und wütend erzählt. Heiko Deutschmann 1962 in Innsbruck geboren, liest „Gomorrha“ und man merkt ihm sehr gut an, dass das Buch in bewegt, in ja auch wütend stimmt.

Alleine schon im Vorwort, gesprochen von dem Chefredakteur Giovanni di Lorenzo – Die Zeit – erfährt der Hörer wie sehr die Erzählung eine Emotionalität aufbaut und wie sehr diese schon gerade in den Anfängen unter die Haut geht.

Das Buch ist nichts für schwache Nerven. Es ist kein Thriller der der Fantasie entspringt. Roberto Saviano beschreibt eindringlich seine Heimat und deren kriminelle Realität. Er klagt an und immer wieder sagt er: Er sieht und hat Beweise.

Er schildert das Morden, Töten und Sterben in all seiner Erbärmlichkeit und Jämmerlichkeit. Es gibt keine fiktionalen Charaktere, keine schattenhaften, anonymen Schauspieler. Saviano nennt Namen, Strukturen und Details die anklagend sind und die die ganze Organisation mehr bedrohen als vielleicht die ganze italienische Justiz es jemals für möglich gehalten hat.

Saviano hält sich an Fakten, an Tatsachen die so atemberaubend sind, dass man sie kaum glauben will. Er glaubt an die Kraft seiner Worte, die vielleicht als Waffe noch niemals eingesetzt worden ist.

„Wenn wir die Mafia wirksam bekämpfen wollen, dürfen wir sie weder in ein Monster verwandeln, noch denken, sie sei ein Blutsauger oder Krebs. Wir müssen akzeptieren, dass sie uns ähnlich ist“, schrieb der bekannte sizilianische Richter Giovanni Falcone. 1992 wurde er von der Mafia ermordet. Roberto Saviano führt vor, wie untrennbar Legalität und Illegalität im globalisierten Kapitalismus miteinander verstrickt sind.

Wie funktioniert eine kriminelle Organisation? Wer Gomorrha liest, bzw. hört wird es in Ansätzen verstehen können. Er wird verstehen und begreifen wie Drogen verkauft, Gelder gewaschen werden. Wie Modeartikel hergestellt und verkauft werden, wie ganze Müllberge verschoben werden und wie Menschen ohne Skrupel getötet werden, weil dies zum Alltag der Camorra gehört.

Und es wird transparent wie eng die Politik, die Wirtschaft und das Verbrechen in Kampanien – Neapel miteinander im Einklag stehen. Im Grunde geht es nur um das Geld, niemals um das Schicksal und das Leben der dort lebenden Menschen.

Für den Autor Roberto Saviano geht es jetzt um das Überleben. Die Camorra ist nachtragend und wartet vielleicht nur darauf das sich die Wellen der Entrüstung legen um dann zum tödlichen Schlag auszuholen. Fakt ist es auch das Saviano bedroht wird. Er schläft in Kasernen, bewacht wird er ständig von zwei Polizisten und niemals ist Saviano länger an einem Ort. Robert Saviano lebt wie ein Verbrecher – Auf der Flucht, im Untergrund, immer in Gefahr.

Seinen Häschern widmete der Untergetauchte jedoch den letzten Satz in seinem

Buch: "Ihr verfluchten Dreckskerle, ich lebe noch!"

Details

Roberto Saviano

„Gomorrha“

Aus dem italienischen von Friederike Hausmann und Rita Seuß

Gekürzte Lesung von Heiko Deutschmann

4 CD, 297 Minuten mit 69 Tracks.

Die italienische Originalausgabe erschien 2006 unter dem Titel „Gomorrha“

2007 Carl Hanser Verlag München

Vorwort: Giovanni di Lorenzo, Hamburg Januar 2008 (Chefredakteur „Die Zeit“)

Hörbuch Hamburg: HHV GmbH, Hamburg 2008

www.hoerbuch-hamburg.de

ISBN-10: 3899034864

ISBN-13: 978-3899034868

Sprecher

Heikko Deutschmann war nach dem Schauspielstudium Ensemlemitglied an der Berliner Schaubühne, am Hamburger Thalia Theater. Im Schauspiel Köln und im Schauspielhaus Zürich. Außerdem spielte er in zahlreichen Filmen mit und ist ein begehrter Hörbuchsprecher. Für Hörbuch Hamburg hat er u.a. „Der Erlöser“ und „Das fünfte Zeichen“ von Jo Nesbo, „Die dunkle Seite des Mondes von Martin Suter, Stendhals „Rot und Schwarz“ und von Thomas Glavinic „Die Arbeit der Nacht“ gelesen.


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