Montag, 22. Oktober 2007

Der Sohn - Rezension von Michael Sterzik



"Wenn man das Böse nicht sieht, existiert es nicht"! Eine Botschaft, die sich als Grundlage und bestimmende Aussage in Giacomo Cacciatores Roman "Der Sohn" wiederfindet.Palermo – viel gerühmte Stadt Siziliens. Ein Ort der Künste, Paläste und Museen mit einer bewegenden Geschichte.

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die größte Stadt in Sizilien zugleich eine Hochburg der Mafia. Verfeindete Clans, auch "Familien" genannt, kämpften mit Brutalität, Morden und Vergeltungsaktionen um die Vorherrschaft in der Stadt.Wenn die Rede von Familie ist, so ist dies zugleich mehrdeutig, denn es handelt sich hierbei um eine streng hierarchische Struktur mit einem Paten an der Spitze und mehreren Clans, die operativ die Befehle und Anweisungen von oben durchführen.

Sicherlich gab und gibt es unter diesen Clans auch starke familiäre Bande, die Werte und Sitten wie beispielsweise einen Ehrenkodex auch wirklich leben. Doch auch diese und die Omerta (das Schweigen) wurden von z. B. dem Corleone-Clan gebrochen und ignoriert; ganze Familien mit vielen unbeteiligten Verwandten wurden vernichtet.Der Staat und die politische Macht Italiens sahen sich gezwungen zu reagieren, denn auch diese war durchsetzt von Korruption und Gewalt. Die Mafia macht keinen Halt vor Richtern, Staatsanwälten, der Polizei und Politikern.

Die Öffentlichkeit Italiens wurde nun auf das Morden in Palermo aufmerksam und der Druck auf die Mafia stieg. Doch diese schlug noch erbarmungsloser zurück; der berühmte Jurist und berüchtigte Mafia-Gegner Giovanni Falcone wurde zusammen mit seiner Frau auf dem Weg in sein Ferienhaus durch einen Bombenanschlag getötet, nur kurze Zeit später kam auch sein Mitarbeiter und Vertrauter Richter Paolo Barselloni bei einem Mordanschlag um. Beide waren Symbolpersönlichkeiten im mutigen Kampf gegen die Mafia.

Der italienische Autor Giacomo Cacciatore gibt mit seinem Roman einen prägnanten und mutigen Einblick in die "familiären" Strukturen der mafiösen Gesellschaft Palermos, einer nebulösen Zwischenwelt, in der alles anders ist, als es zu sein scheint.

Inhalt
Italien: Palermo in den siebziger Jahren. Giovanni Vetro, ein neunjähriger Junge, lebt mit seinem Vater und seiner Mutter in Palermo. Sein Vater lebt zwischen den "Familien", als Polizeibeamter steht er für das Gesetz ein, doch arbeitet er auch als Informant heimlich für das organisierte Verbrechen in der Stadt - ein schmaler Grat zwischen Gesetz und Kriminalität.

Seinem Sohn erklärt er, dass das Böse nicht existiere, wenn man es nicht sehe, und tatsächlich offenbart sich das "Böse" eher getarnt in Gefälligkeit und Verpflichtungen.Geschickt versteht es sein Vater, dem gegenwärtigen Mafiaboss zu dienen und dessen Gefälligkeiten - z. B. ein langersehnter Farbfernseher im Wohnzimmer - erscheinen abrupt und überraschend. Giovanni flüchtet sich in eine fiktive Welt der amerikanischen Fernsehserien, und seine Realität verwischt sich sehr bedenklich, denn seine Fragen und Ängste werden vom Vater entweder nicht ernst genommen oder aggressiv im Keim erstickt.

Sein Vater, so bemerkt er sehr bald, hat Sorgen mit sich herumzutragen und verrennt sich in den Gedanken, dass seine Handlungen allen nur dienen und er damit zugleich seine Familie beschützt und finanziell fördert. Giovannis Mutter, die das Doppelspiel ihres Mannes schon längst durchschaut hat, ist alles andere als froh über diese Entwicklung und begreift schnell, dass die täglichen Drohanrufe erfolgen, zum Ziel haben, ihren Mann einzuschüchtern und in die vorgesehenen Schranken zu weisen.

Langsam beginnt auch Giovanni zu ahnen, dass sein Vater in Gefahr sein könnte. Naiv und wohlwollend versucht er, hinter die Fassade seines Vater zu blicken, doch der reagiert forsch und abweisend auf die Ängste seines eigenen Sohnes. Auch seine Mutter, die sich inzwischen hysterisch benimmt, ist keine große Hilfe; medikamentös eingestellt flüchtet sie sich in ihre eigene wünschenswerte Welt.Als die ersten Morde vor seinen Augen in Palermo geschehen, vermischen sich die beiden Familien, in denen sich sein Vater bewegt ...

Kritik"
Der Sohn" ist ein weiträumiges Psychogramm, in dem die Grenzen zwischen Wunschdenken und Realität fließend zu sein scheinen. Giovannis Motivation, sich schützend vor seinen Vater zu stellen, ihn aber zugleich auch für sein Verhalten abzulehnen, ist bewundernswert herausgearbeitet. Völlig auf sich alleine gestellt, findet er weder zu sich selbst noch zu einer Lösung der grenzwertigen Situation.

Der Vater/Sohn-Konflikt spitzt sich immer weiter zu, aber der Eindruck trügt nicht, wenn man zu der Einsicht gelangt, dass weder der Vater noch der Sohn als Gewinner aus dem familiären Konflikt heraustreten. Sie verlieren beide auf unterschiedlicher Art; der Vater verliert den Respekt und das Vertrauen seines Sohnes, und bei diesem wächst natürlich das Misstrauen. Auch verliert er sein Selbstbewusstsein, denn davon zeugt seine Flucht in amerikanische Krimiserien.

Sein Vater hingegen verhält sich ähnlich wie der Sohn; er zieht sich zurück und wirkt, zu Hause nachdenklich im Fernsehsessel sitzend, unsicher und nervös. Es spielt eine gewissen Tragik darin mit, dass weder Vater noch Sohn sich gegenseitig ausreichend vertrauen können, um sich Mut zuzusprechen. Giovanni findet in den Jahren der Kindheit und seiner Entwicklung zum Erwachsenen zu sich selbst; wenn auch auf Umwegen, so trifft ihn die Realität schwerer, als er es sich selbst einzugestehen vermag, und die ihn oft vor Ratlosigkeit verzweifeln lassen. Die ganze Erzählung ist einem ruhigen Ton gehalten, der nur aus Dialogen besteht; und diese sind nicht immer einfach zu verfolgen, man muss schon genau darauf achten, wer nun gerade in die Rolle des Sprechers schlüpft.

Auch der Sprachstil ist eher umständlich und wirkt oft schwerfällig, so, als würden dem Autor die passenden Formulierungen ausgehen. Wer hier eine blutige und actionreiche Handlung vermutet, wird enttäuscht sein. Sicherlich geschehen hier Morde, aber im Vordergrund stehen immer die Empfindungen, die Ängste und das Verstehenwollen, aber nicht -können von Giovanni. Die Stadt Palermo, die für Touristen sicherlich eine der attraktivsten Siziliens ist, wird dem Leser nur einseitig dargestellt als eine Stadt, in der das Verbrechen eine geduldete und akzeptierte Lebensweise ist, in der Politiker,

Polizisten und die Bürger selbst schweigend ausharren. Hier sind die Grenzen zwischen Gesetz und Kriminalität fließend dargestellt.Giacomo Cacciatore beschreibt uns die alltägliche Gegenwart in Palermo mit einer nicht mehr wegzudenkenden ehrenwerten Gesellschaft darin. Als Außenstehender und Tourist dürfte es schwerfallen, hinter die hier aufgebaute Fassade schauen zu können. Der Staat steht nahezu ohnmächtig daneben und obendrein sieht es so aus, dass die Mafia ohnehin nur deswegen überleben konnte, weil die Politik schon viel zu sehr Teilhaber der illegalen Geschäfte geworden ist.

Ohne den Schutz und die Unterstützung staatlicher Organe wäre die Mafia ein wenig überlebensfähiges Syndikat.Trotzdem gelingt es dem Autor ansatzweise, dem Leser einen Blick auf die familiären Strukturen der Mafia werfen zu lassen. Vieles wird nur angedeutet, fast schon zu vieles, wodurch der Leser sich zugleich Interpretationen hingeben muss, aber damit regt Cacciatore auch den Entdeckungswillen an, auch wenn die unmittelbare Spannung dafür auf der Strecke bleibt.

Fazit
"Der Sohn" ist ein psychologischer Roman um die Abgründe einer Vater-Sohn-Beziehung. Wie zerbrechlich eine Familie sein kann, wenn sie von außen her bedroht wird und innerhalb dieses Gefüges niemand bereit ist, Mut und Gegenwehr aufzubringen, vermittelt der Autor sehr gekonnt und spürbar realistisch.Wer einen spannenden Roman erwartet, der transparent und bildlich die Handlung wiedergibt, der wird enttäuscht sein.

Vieles bleibt unausgesprochen und nur angedeutet, die Dialoge zwischen den Protagonisten sind nicht einfach gehalten, was die Leselust desjenigen durchaus trüben kann, der auf der Suche nach einem aufregenden Mafiakrimi war, ebenso wie die Tatsache, dass der Handlungsfokus auf die persönliche, familiäre Ebene gerichtet ist und weniger auf die mafiösen Strukturen und Vorkommnisse.

Der Autor Giacomo Cacciatore wurde 1967 in Polistena, Kalabrien geboren. Seine Studienfächer waren Literatur und Sprachwissenschaften. Er lebt als Journalist und Korrespondent u. a. von La Repubblica in Palermo. Neben diversen Sachbüchern hat er bereits zwei Romane veröffentlicht und gilt als eines der großen literarischen Talente Italiens

.http://www.rowohlt.de

Michael Sterzik


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