Montag, 3. September 2007

Sleepers (DVD) - Rezension von Michael Sterzik


"Dies ist eine wahre Geschichte über eine tiefe, durch nichts zu erschütternde Freundschaft. Diese ist meine Geschichte und die meiner drei Freunde, die das Einzige waren, was mir jemals etwas im Leben bedeutet hat. Zwei von ihnen waren Mörder, die ihren 30. Geburtstag nicht mehr erlebten. Der dritte ist ein nicht mehr praktizierender Anwalt, der mit der schmerzvollen Vergangenheit lebt, die er nicht in der Lage ist zu verarbeiten. Ich bin der Einzige, der für sie und als Kinder sprechen kann."
Dies sind die ersten Worte von Lorenzo Carcaterra im Film "Sleepers" (1997) - verfilmt vom Regisseur Barry Levinson, der die tatsächlichen Ereignisse, die in dem gleichnamigen Roman geschildert werden, von Carcaterra verwendet hat.
Der Regisseur zeigt in dem auf dem Bestseller von Lorenzo Carcaterra basierenden Film "Sleepers" die kontroverse Chronik schicksalhafter Geschehnisse. Vier Jungen werden abrupt aus ihrer romantischen Kindheit (Der Graf von Monte Christo - dazu später vielleicht mehr) gerissen und in eine Welt aus Gewalt und Missbrauch geschleudert.
Die Erinnerung an die grausamen Vorkommnisse verfolgen sie selbst nach 15 Jahren noch. Mit Hilfe der ungeschriebenen Gesetze von Hell's Kitchen im Stadtteil New York gelingt es ihnen, sich für das Jahr der Qualen und Erniedrigungen an den Verantwortlichen zu rächen. Aber trotz dieser "Rache", dieser Genugtuung, sind diese vier Jungen geprägt, und verarbeitet wurden diese Erlebnisse nie.
Story
Hell`s Kitchen - ein Stadtteil New Yorks Mitte der sechziger Jahre. Für die vier Jungen Tommy, Michael, John und Lorenzo war dieser berüchtigte Ort ein einziges großes Abenteuer. Die Straßen in diesem Ort, der sich nördlich von der 34. bis hin zur 56. Straße und westlich bis zum Hudson River ausdehnt und zumeist von "Ausländern" mit ihren Familien bewohnt ist, wurden von Priestern und Gangstern bestimmt - jede Fraktion mit ihrer eigenen Gesetzgebung.
Die Kindheit der Hauptdarsteller hätte aufregend sein können, ein den Umständen entsprechendes unbekümmertes Leben, trotz aller zerrüttenden Familienverhältnisse. In diesen Straßen werden ihnen keine Vorschriften gemacht. Die vier sind ihre eigene Familie, sie vertrauen sich und stehen immer zueinander und für einander ein. Der einzige Erwachsene, dem sie sich anvertrauen, ist Pater Bobby (Robert De Niro), der mit seiner Kirche eine Neutralität bewahrt und der immer für alle Kinder eine Zufluchtsstätte ist. Trotzdem oder gerade deswegen kennt Pater Bobby die ungeschriebenen Gesetze dieses Ortes.An einem heißen Sommertag macht ein Streich der unbeschwerten Kindheit ein abruptes Ende. Aus Langeweile und Hunger beschließen die vier Jungen einen Hot Dog-Stand zu bestehlen. Diese Laune kostet einen unschuldigen Passanten fast das Leben und die schuldigen Kinder werden dazu verurteilt, ein Jahr lang die Besserungsanstalt "Wilkinson" zu besuchen.
Diese Besserungsanstalt für verurteilte Kinder- und Jugendstraftäter ist die Hölle, nicht nur für die vier Freunde. Angeführt von dem sadistischen Wärter Sean Nokes (Kevin Bacon) und einigen anderen Aufsehern, werden die jungen und wehrlosen Menschen gefoltert, erniedrigt, missbraucht und vergewaltigt. All das ist in Wilkinson nicht die Ausnahme, es ist die Realität und die Tagesordnung. Die wenigen Wächter, die sich nicht an den Jungen vergehen, schauen weg und tun so, als würden sie diese schlimmen Verhältnisse gar nicht bemerken. Als die vier Jungen entlassen werden, sind sie "erwachsen" und schwer traumatisiert. Für ihr restliches Leben sind sie mehr als tief gezeichnet.
Ihre Wege trennen sich, sie verlieren sich nicht aus den Augen, aber ihr persönlicher Werdegang entwickelt sich sehr individuell. Michael (Brad Pitt) baut sich als Staatsanwalt eine Existenz auf, trotz der grausamen Geschehnissen in Wilkinson ist er nach außen hin ein starker Charakter, der auch der Motor der anschließenden Rache sein wird. Lorenzo (Jason Patric) wird Journalist einer Zeitung und entwickelt später zusammen mit seinen Freunden innerhalb Hell`s Kitchen die Struktur ihrer Rache. Tommy (Billy Crudrup) und John (Ron Eldard) haben die Vergangenheit nicht verdrängen können und sind kriminell und drogenabhängig geworden. Beide sind führende und gründende Mitglieder einer Gang und verdienen ihren Unterhalt als bezahlte Killer.
Nach knapp 15 Jahren werden die vier von ihrer Vergangenheit eingeholt. Tommy und John entdecken in einer nahe gelegenen Kneipe zufällig ihren früheren Peiniger Sean Nokes, stellen ihn zur Rede und erschießen diesen grausam und kaltblütig. Michael erfährt natürlich als Staatsanwalt von ihrer Verhaftung und kontaktiert seinen Freund Lorenzo - der Kreis beginnt sich zu schließen. Er erzählt diesem von Plänen und Rachegedanken, die schon seit den grausamen Ereignissen im Wilkinson immer mehr Gestalt annehmen. Es fehlte nur an einer passenden Gelegenheit. Mit Hilfe von alten Freunden will er seine beiden "schuldigen" Freunde auf "legalem" Wege befreien und sich zugleich am Wilkinson und den Wächtern rächen.
Mit Hilfe des gesetzlichen Systems wollen sie den Gerichtsprozess manipulieren und nach ihren eigenen Regeln die Gerechtigkeit suchen und finden, die ihnen all die Jahre verwehrt war. Allerdings benötigen sie als Schlüsselfigur die Aussage von Pater Bobby, von ihm hängt das Gelingen des Plan und das Leben der beiden gefangenen Freunde ab. Der Geistliche gerät dabei in einen Gewissenskonflikt, denn er muss ja auf die heilige Bibel schwören - "Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit". Manchmal sind Gerechtigkeit und Wahrheit zwei sehr verschiedene Dinge ...
Kritik
Dieses Drama geht an die Nieren, gerade weil es auf einer wahren Begebenheit basiert. Freundschaft, Loyalität und Rache vermischen dieses Quartett der Freunde und zwingen den Zuschauer darüber nachzudenken, ob "Rache" wirklich die Vergangenheit aufholen und für Gerechtigkeit sorgen kann.Ähnlich wie bei "Der Graf von Monte Christo" (Alexande Dumas) ist die einzige Motivation die Aussicht auf Rache.
Dass sie konsequenterweise ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen und dadurch Selbstjustiz üben, wird vom Zuschauer nicht als negativ aufgenommen. Vielmehr muss sich jeder individuell fragen, ob Gerechtigkeit nicht manchmal blind ist oder ob eine derartige, auch tödliche Rache gerechtfertigt ist?! Genauso wichtig ist hier die Kameraführung von Michael Ballhaus, viele Schatten und Lichteffekte untermalen die Situationen und heben wichtige Ereignisse hervor. Erfreulich ist meiner Meinung nach auch, dass die Misshandlungen, Vergewaltigungen nicht gezeigt werden - Schnitt, nächste Szene und man sieht, wie übel die Jungen zugerichtet sind und wie gestört ihr Verhalten ist - alles weitere bleibt dem Zuschauer und dessen Phantasie überlassen. Interessant und äußerst wertvoll für den Film sind die Rückblenden in die "unschuldige" Kindheit, die sich immer wieder auf die Freundschaft des Quartetts konzentriert.
Auch die schauspielerische Leistung der vier Jungen steht dem der Erwachsenen in nichts nach. In dem Film "Sleppers" wird filmisch und inhaltlich vereint. Manches wird nur angedeutet, in wenigen klagenden Bildern angerissen oder in Rückblenden wieder wachgerufen. Wie schon oben beschrieben, werden viele Situationen in Gestiken skizziert. Der Film beschreibt das Schicksal von Menschen. Und mir ist nach dem Film die Frage gekommen: Welche Sekunden können unser Leben für immer beeinflussen und welche Erfahrungen unser Leben lenken? Was wäre aus John und Tommy, den Mördern, ohne das Grauen geworden, das ihnen im Wilkinson widerfuhr? Waren ihre Seelen die schwächsten? Scheiterten sie deshalb? Warum konnten sie das Erlebte nicht wegschieben oder verarbeiten wie Michael und Lorenzo? Oder hatten sie nur nicht die Chance dazu? Die Antwort liegt für mich ganz klar in den kahlen Fluren mit den eisernen Türen, hinter denen Angst und Qual wohnen. Die Antworten liegen in jenen Momenten, in denen Lorenzos Stimme von "lautem qualvollem Elend" erzählt, von "rohen Schreien", die um Entrinnen und Erlösung betteln, das nie kam, von "Gelächter, gemischt mit unterdrückten Tränen", von "Johns erbarmungswürdigen Flehen", von "schluchzendem Klagen, das durch die dicksten Mauern dringt".
Der Erzähler sagt über John, dass die fürchterlichen Foltern bei ihm "das sanfteste Herz, das ich kannte, zerrissen und aller Gefühle beraubt" hatte. Die Gefühle solcher traumatisierten jungen Menschen, deren ganze Vorstellungen von Moral und Recht geschändet werden, scheinen auf immer verloren. Was dann noch bleibt, bezweifeln sie. Zu Asche und Staub gewordenene Empfindungen und Exkremente der Sinne. Wie oft pflastern sie den Weg in die Gosse? John und Thomas gingen diesen Weg und unzählige, namenlose Menschen auch. Die Dunkelziffer von derartigen Übergriffen in Erziehungsheimen und Strafanstalten ist sicherlich um ein Vielfaches höher, als wir es wissen. "Sleepers" hat seit damals schon gezeigt, wozu Kino in der Lage ist. Levinson ist ein Meister des leisen Pathos, der leisen Sprache und Sinne. Und er ist ein Schöpfer der Ruhe. Levinson gibt uns in diesem Film die Ruhe, sich mit den Charakteren auseinanderzusetzen.Der Film endet, wie er begonnen hat. Tröstlich und erschütternd zugleich. Die ersten und die letzten Bilder sind die gleichen. Rückblende in die Kindheit - Schwarz-Weiß. In melancholischer Zeitlupengedehntheit tanzen die Kinder, noch ahnungslos - strahlend, tändelnd, engelhaft. Unschuldig, und doch bleibt bei dem Zuschauer am Ende ein trauriges Gefühl.
"Ich bin der Einzige, der für sie sprechen kann. Und für die Kinder, die wir waren," sagt der erwachsene Lorenzo.
Details zum Film:
Titel Deutschland: "Sleepers"Titel USA: "Sleepers"Genre: ThrillerFarbe, USA, 1996, FSK 16 Kino Deutschland: 1997-01-30 Laufzeit Kino: 146 Minuten Darsteller: Kevin Bacon (Nokes), Robert de Niro (Pater Bobby), Dustin Hoffman (Danny Snyder), Jason Patric (Shakes), Brad Pitt (Michael), Billy Crudrup (Tommy), Ron Eldard (John), Minnie Driver (Carol), Vittorio Gassman (King Benny), Joe Perrino (Lorenzo als Junge), Brad Rentro (Michael als Junge), Jonathan Tucker (Tommy als Junge), Geoffrey Wigdor (John als Junge), Terry Kinney (Ferguson), Bruno Kirby (Shakes' Vater), Frank Medrano (Fat Mancho) Regie: Barry Levinson Stab: • Produzenten: Barry Levinson, Steve Golin für Propaganda Films / Baltimore Pictures / Polygram • Drehbuch: Barry Levinson •
Vorlage: Roman "Sleepers" von Lorenzo Carcaterra • Filmmusik: John Williams • Kamera: Michael Ballhaus •Es sei an dieser Stelle noch zu empfehlen, den Roman zu lesen. Der Film ist grandios, aber vieles kann einfach nicht gezeigt werden und das Buch wird die eine oder andere offene Frage beantworten."Sleepers - die Unzertrennlichen"Autor: Lorenzo CarcaterraBroschiert - 381 Seiten - Goldmann, München.Erscheinungsdatum: Juni 1997ISBN: 3442433606
Hintergrundinfos
Die Besserungsanstalt, die Lorenzo Carcaterra in seinem Roman in "Wilkinson Home For Boys" umbenannte, war eine von zwölf solcher Einrichtungen in der Stadt New York. Äußerlich wirkten diese oftmals feudal aussehenden Gebäude mit satten Grünflächen und Gärten wie exklusive Privatschulen. Die Insassen wussten es aber besser.Während der Recherchen zu "Sleepers" fanden der Regisseur und sein Stab heraus, dass die Ereignisse im Wilkinson kein Einzelfall gewesen sind. Die Nachforschungen ergaben, dass es Dutzende sexuelle Vergehen an Jugendlichen in diesen "Heimen" gegeben hatte. In den sechziger und siebziger Jahren enthüllte die Presse ca. 200 Fälle von sexuellem Missbrauch an Minderjährigen in solchen Straf- und Besserungsanstalten.Michael Sterzik

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