Freitag, 31. August 2007

Das Engelsgesicht




Omertà (italienisch) = Ehrenkodex der Mafia und auch von anderen organisatorischen Kriminellen Vereinigungen. Dieser Kodex verbietet es den aktiven als auch unaktiven, Tätern als auch Opfern, eine Aussage zu treffen die der Organisation, oder der "Familie" schaden könnte. Ein Bruch dieser stillschweigenden aber bindenden Versprechens ist gleichbedeutend mit einem Todesurteil. Ein Urteil ohne Anwälte, ohne Verteidigung, ohne Ausreden - Endgültig!


Giorgio Basile hat dieses "Gelübde", diese Omertà gebrochen und damit ist er des Todes. Töten wird ihn wahrscheinlich sein eigener Bruder - "Gott vergibt - die Mafia nie" heißt es in verschiedenen Regionen Italiens.


Es klingt wie ein Krimi, es hört sich an wie ein zweitklassiger Mafiathriller, aber die Geschichte, die Lebensbeichte des Giorgio Basile ist keine Fiktion - es ist die bittere und ehrliche Biografie eines Profikillers, eines Mafiosi, eines Mörders, aber auch eines Menschen, eines liebenden Vaters der jetzt Kronzeuge nach italienischem Recht geworden ist und aus Angst vor Rache im Zeugenschutzprogramm des Staates sein restliches Leben verbringen wird. Er wird mit seiner Familie immer auf der Flucht sein, und die Angst ein ständiger Begleiter.


Das Buch über das ich berichte ist dieses Jahr im Spiegel-Verlag erschienen. Der Autor "Andreas Ulrich" hat mehrere Stunden mit dem Mörder gesprochen und ihm seine Lebensgeschichte erzählt. Aufstieg und Fall eines Killers der Kalabresischen Ndrangheta. Ein Einblick in die Organisation und Strukturen dieser gefürchteten und legendären "Familienunternehmen".


-Story-Geschichte-


Wie wurde aus dem netten Gastarbeiterkind aus Süditalien ein berüchtigter, eiskalter Killer? Was musste oder ist geschehen damit jemand alle Skrupel und jegliche Moral fallen lässt und ohne Gewissensbisse töten kann?


Und Jahre später, warum bricht genau dieser Schwerstkriminelle sein Schweigen, die Regeln der Ndrangheta - der Mafia und verurteilt sich damit selbst zum Tode? Was für ein "Mensch" ist dieser Giorgio Basilie - den man "Das Engelsgesicht" nennt?


Giorgio Basile - geboren 1960 in Corigliano Calabro - in Süditalien kommt als Kleinkind mit seinen Eltern nach Mühlheim. Seine Kindheit ist hart, der Vater ein ungebildeter Arbeiter der seine Frustration an seinen Kindern und seiner Frau auslebt, seine Mutter sicherlich die stärke Person in dieser Ehe. Giorgio lernt schnell das "Geld" Macht und Ansehen bedeutet. Nicht zuletzt als seine Mutter sich mit einem sehr bekannten Mafiosi namens Antonio de Cicco einlässt und eine Liebesbeziehung beginnt.


Der leibliche Vater toleriert aus Angst vor diesem Mann die Beziehung, auch deswegen verfolgt Girogio die kriminelle Karriere des Kalabresischen Mafiosi sehr genau. Die Mafia ist dabei sich in Deutschland ein Netzwerk aufzubauen, "La Piovra" - die Krake wie die Mafia auch genannt wird baut schnell ein Netz der Angst auf, schließlich leben viele Italiener als Gastarbeiter in Deutschland - Raub, Erpressung, Schutzgeld, Prostitution und bald wird auch der Drogenhandel fest in der organisierten Italienischen Kriminellen Hand sein.


Zuerst nur als Chauffeur wird Giorgio langsam in den ehrenwerten Kreisen aufgenommen. Er beobachtet das Handeln des Stiefvaters sehr genau der in seinen Augen ein Respektierter Ehremann ist.


Auf Besuchen in Süditalien lernt der junge Giorgio die Strukturen der Ndrangheta kennen, auch wichtige "Bosse" werden diesen von Cicco - seinen Ziehvater vorgestellt. Die ersten Schritte einer verhängnisvollen Karriere…!


Als Giorgio`s Mutter schwanger wird, muss diese auf Drängen Ciccio`s der selbst verheiratet ist in Deutschland leben, nach katholischen Glauben ist die Familie heilig, und dieser Ausrutscher würde in dem Heimatdorf nicht zu ertragen sein. Giorgio und seine Mutter gehen zurück, diesmal aber mit Geld und Unterstützung der Mafia.


1979 überredet Ciccio seinen Schützling wieder nach Italien zu gehen. Er verführt Giorgio mit Geschichten von schönen Mädchen, gutem Essen, schnellen Autos, Geld, Respekt und Anerkennung. Und genau das wird er in den nächsten Monaten bekommen und er genießt es wenn fremde Leute ihm mit Achtung unterwürfig zunicken.


Doch bald mit der Zeit begegnen ihm auch die wahren Seiten der Mafia. Ein Mann der sich mit der Ndrangheta angelegt hat, wird von Ciccio auf sein Grundstück gelockt und verprügelt. Der Ohnmächtige Körper des Respektlosen Mannes wird in den Schweinestall geschleppt. Dieser wird von den hungrigen Schweinen bei vollem Bewusstsein getötet und gegessen, es bleibt nichts übrig, nicht viel…keine Beweise, keine Leiche, keine Fragen - nur ein Grab mehr in Corigliano.


In Laufe der Jahre baut sich Giorgio seine Position aus, er wird zwar Mitglied des "Clans" aber man bezeichnet ihn als "Joker" als nicht "getauftes Mitglied" der Mafia.Für diesen Clan, für diese ehrenwerte Familie begeht Giorgio seine ersten Morde, der erste Mord an seinem Ziehvater "Ciccio" bringt ihm großen Respekt ein. Der zweite Mord den er später zugibt geschieht auf Befehl und wird ohne zögern ausgeführt.


Wenig später ist Giorgio in der Hierarchie ein geachteter Mann der den Kokain-Handel beherrscht und über seine eigenen Vertrauten gebietet. Wie viele Morde Giorgio begeht sagt er nicht, er gibt nur vier vor Deutschen und Italienischen Behörden zu - der letzte Mord an seinem besten Freund belastet ihn selbst schwer, erstmalig beginnt er zu begreifen das die ehrenwerte Gesellschaft mit ihren Regeln, ihrem Kodex verlogen und falsch ist. Man vermutet das Giorgio Basile an ca. 30 Morden beteiligt war.


Eines Tages wird auch Giorgio Basile verraten und verkauft. Die Deutschen Behörden verhaften diesen auf einem Bahnhof in München. Giorgio war wegen Drogengeschäften in Deutschland, die Falle schnappt zu. In der Zelle weitab von seiner geliebten Frau und seiner Tochter wird auch ein Killer zum Menschen und fühlt sich von der Organisation betrogen und in Stich gelassen. In Besprechungen mit Deutschen Behörden wird ihm klar, dass seine einzige Chance auf ein Leben mit seiner Familie darin besteht auszusagen gegen diejenigen für die er gedealt und gemordet hat.


Er wird ein "Kronzeuge" und der einzige Schutz wird das Zeugenschutzprogramm der Italienischen Regierung sein.


-Kritik/Meinung-


Giorgio Basile`s Aussagen verhelfen der Italienischen Staatsanwaltschaft die Ndrangheta einen empfindlichen Schlag zu versetzen. Die Richter und Staatsanwälte rechnen ab und erste Erfolge gegen den Internationalen Drogenhandel - ausgehend von Italien werden erzielt.


Mehr möchte ich jetzt nicht über die Handlung erzählen. Dieses Buch ist nicht in Romanform geschrieben. Der bekannte Autor Andreas Ulrich der den Killer interviewt, sowie mit Zeitzeugen aus dem Heimatdorf spricht, hat seine Recherchen sauber und absolut eindrucksvoll betrieben. Vor allem sehr glaubhaft, nicht überzeichnet oder erdacht. Als Grundlage dienten primär die Interviews mit Basile.


Das Lesen dieser nennen wir es mal ruhig Biografie eines Killers, erschreckte mich natürlich die Kaltblütigkeit dieses Mannes. Liest man jedoch wie er und unter welchen Voraussetzungen dieser aufgewachsen ist, empfindet man Mitleid, kein Verständnis jedoch.


Und genau das empfindet auch der Killer persönlich. Aber er bereut seine Morde nicht, außer vielleicht den seines Freundes, ansonsten war es für ihn eine Pflicht - keinerlei Gewissensbisse wirken störend auf seine Psyche. Er sorgt sich nur um das Wohlergehen seiner Frau und seiner kleinen Tochter. Das waren die eigentlichen Gründe seine Kontakte zu verraten.


Andreas Ulrich bietet mit seinem Buch einen umfassenden Eindruck in die kriminelle Welt der Mafia die von Filmen wie "Der Pate", "Allein gegen die Mafia" und "Good Fellas" einen Stempel aufgedrückt bekommen haben. Die richtige Welt, die wahre Welt der Mafia ist ein Universum von Verrat und Mord, von geleisteten Treueschwüren die nichts wert sind, von Skrupellosigkeit und Geldgier.


Das Buch liest sich fast wie eine Drehbuchvorlage, und es würde mich nicht wundern wenn die Aussagen dieses Killers, einmal verfilmt werden sollten. Als Zwischenbemerkung kann ich sagen, ist dieses Buch empfehlenswert, allerdings wird es wohl kaum jemanden wirklich interessieren. Glaubt man Basile`s Worten, so sind ca. 80 - 90 % allen Italienischen Restaurants in Deutschland in den Händen der Mafia. Viele, fast alle zahlen Schutzgeld, einige Pizzabäcker von nebenan sind wohl Killer und warten hin und wieder auf einen Einsatz. In den Restaurants wird Geld sauber gewaschen, es werden Kontakte gepflegt, Waffen und falsche Ausweise besorgt und so weiter


Ich denke jetzt das Giorgio Baile kein grausamer Mann ist, nichts und niemand ist nur böse oder nur gut. Das wäre ein zu weißes und geradezu unehrliches Klischee. Ich weiß nicht ob ich dem Italienischen Zeugenschutzprogramm vertrauen würde…? Basile weiß das ihm vielleicht nur noch wenige Jahre im Kreise seiner Familie verbleiben. Seinen Worten nach zu urteilen, ist die italienische Politik, die Wirtschaft, ja selbst das Rechtssystem korrupt und alles andere als sicher. Er rechnet nicht damit eines natürlichen Todes zu sterben, aber selbst Angst hat er nicht um sich, sondern um seine Familie.


Basile rechnet mit dem "märchenhaften" Mythos der Mafia ab. Mit seiner schonungslosen Offenheit verspricht und verleitet er vielleicht vielen ähnlichen Menschen wie er es selbst mal gewesen ist, mit den Morden aufzuhören und vielleicht sich zu stellen. Vielleicht ein kleiner Schritt, für manche ein etwas größerer.


- Fazit -


Wer wirklich einen Einblick in diese Schattenwelt haben möchte, dem sei dieses Buch zu empfehlen. Es verschönert nicht romantische Ansichten der Ehrenwerten Gesellschaft. Das Buch, der Autor bildet sich auch kein abschließendes Urteil über einen Mann den vielleicht der eine oder andere als Monster bezeichnen würde. Andreas Ulrich schreibt flott, informativ und obwohl es nicht spannend sein sollte, ist es genau das…..! Es ist eben das "Leben.


Giorgio Basile - den sie "Das Engelsgesicht" nannten, ist kein Engel…bestimmt nicht, aber auch kein Teufel in der Gestalt eines Menschen. Ein Urteil über diesen Mann sollte jeder selbst fällen. Wenn Masken fallen….was bleibt dann übrig?


-Autor-


Andreas Ulrich geboren 1962 arbeitete in Hamburg jahrelang als Polizeireporter, bevor es ihm 1992 zum Spiegel-Verlag zog. Dort schreibt er im Deutschlandressort zuständig für Kriminalität und Terrorismus-


Details zum Buch -Andreas Ulrich: "Das Engelsgesicht - Die Geschichte eines Mafia-Killers aus Deutschland" (Spiegel-Buchverlag, 19,90 Euro)erschienen am 11. November 2005 Buch, 300 S., Gebunden, Format: 156 x 222 mm, Sprache: Deutsch, Erschienen: September 2005 ISBN 3421058997


Michael Sterzik


Keine Kommentare:

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...