Samstag, 12. August 2017

Projekt Orphan - Gregg Hurwitz

Mit dem ersten Band – „Orphan X“ erschuf der amerikanische Autor Gregg Hurwitz, einen sehr originellen Killer: Evan Smoak. Sympathisch, nicht unfreundlich, konsequent, dabei ungemein naiv, soziale Kontakte – na ja stark verbesserungswürdig. Um sich seine Menschlichkeit und Gefühlswelt zu behalten, hängt der professionelle Mörder seinen „Beruf“ an den Nagel. Doch seine Berufung, sein Talent – will er sinnvoll einsetzen – er wird zum Nowhere Man. Die Kriminellen fürchten ihn, denn wenn der Killer sein Ziel gefunden hat, ist der Weg für diese Verbrecher ein konsequentes Ende. Er wird zum geflüsterten Schrecken und für die hilflosen Opfer von Kriminellen, die ihn um Hilfe bitten, zum freundlichen Todesengel – denn er hat noch nie versagt.

Im vorliegenden Band: „Projekt Orphan“ ist Evan Smoak noch immer passiv Aktiv in der mörderischen Branche unterwegs. Noch immer träumt und hofft er, ein normales Leben führen zu dürfen, eines Tages. Doch er ist noch immer der „Nowhere Man“ – und noch immer gibt es eine Schuld, die er durch gute Taten ausgleichen möchte. Sein nächster „Mord“ erweckt allerdings großes Interesse an seiner Person, und vor allem an seinen finanziellen Background. Er wird überwältigt und findet sich als Gefangener, eines echt irren Kriminellen mit einer kleinen Privatarmee vor. Das Timing also verdammt schlecht, da sein letzter Job noch immer nicht abgeschlossen ist, und die Sachlage etwas zeitkritisch ist.

„Projekt Orphan“ ist ein munterer, fulminanter Thriller auf einer sehr überschaubaren Bühne. Gregg Hurwitz lässt seinen sympathischen Killer als Gefangenen einsperren. Das beschränkt nicht nur die Handlungsmöglichkeiten des Gefangenen Evan Smoak, der Autor sperrt neben seinen Protagonisten damit auch fast die gesamte Handlung hinter Gittern. Doch Evan Smoak ist ein wahrer MacGyver, wenn es um ausgefallene und individuelle Ausbruchsversuche geht.

Der Thriller ist hochspannend, allerdings hat manchmal die Story, trotz vieler Actiongeladenen Szenen seine Längen. Die Passage der Inhaftierung Smoaks ist etwas lang geraten – allerdings sind die Szenarien vor und danach kolossal fabelhaft. Evan Smoaks „Mission impossible“ ist wie auch im ersten Band eindrucksvoll erzählt. Evan kann nicht nur sprichwörtlich gut mit allerlei Waffen umgehen, auch rhetorisch besitzt er eine psychische coolness und eine spitze, ironische Zunge, die ihn manchmal hilft, und ebenfalls genauso oft Schwierigkeiten bereitet. Die Dialoge der Protagonisten sind mitunter recht witzig aufgebaut.

Evan Smoaks Gegenspieler erinnert ein wenig an dem Erzbösewicht „Blofeld“ aus dem James-Bond-Unviersum, und auch die anderen „Orphans“ spielen noch eine wichtige Rolle in dem vorliegenden Thriller.

„Projek Orphan“ ist ein Pageturner – die Story eingeschlossen und immer auf den Sprung mit einer Actionexplosion auszubrechen. Die Charakterzeichnung eines Killers, ist selten so gut gelungen, wie hier. Moderner Sprachstil – temporeicher Handlung – Spannung auf hohem Niveau. Ein Thriller, den man nur außerordentlich schwer weglegen kann, wer also mit öffentlichen Verkehrsmitteln fährt, läuft in Gefahr beim Lesen sein Ziel zu verpassen.

Es wird mit Sicherheit einen dritten Band geben. Auch Evan Smoak kann den Mantel seiner Vergangenheit einfach nicht ablegen und ignorieren. So muss halt ein Mann handeln wie ein Mann, handeln muss.

Michael Sterzik



Samstag, 5. August 2017

Die Henkerstochter und der Rat der Zwölf - Oliver Pötzsch

Der vorliegende historische Roman des Münchner Autors Oliver Pötzsch – Die Henkerstochter und der Rat der Zwölf, ist der siebte Teil um die Henkersfamilie Kuisl und dem inzwischen zum Arzt ernannten Simon Fronwieser.

Autor Oliver Pötzsch verlagert die Handlung, in seinem neuem historischen Krimi, von dem heimischen Schongau, in die aufsteigende Großstadt München. Der Beruf des Henkers ist stigmatisiert und die gesamte Familie ist sozial ausgegrenzt. Als unehrlicher Beruf hat es der städtische Henker oftmals schwer seine Kinder außerhalb dieses gewaltsamen Berufes, zu verheiraten. Meist heiraten die Kinder in anderen Henkersfamilien ein – so entstehen über Jahrzehnte und Jahrhunderte wahre Dynastien. Besonders regional gesehen – Die Familien kennen sich untereinander, sind ggf. organisiert und sprechen sich bestimmt auch über Methoden des Tötens und Folterns ab, doch die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass hier auch über Medizin, Heilungsmethoden und Medikamente gesprochen wird. Tod und Leben gehen hier oftmals Hand in Hand, und auch die Bürger wissen, dass manchmal der professionelle Mörder mehr von Medizin versteht, als der Arzt, oder Bader.

Im vorliegenden Roman wird Jakob Kuisl in den Rat der Zwölf berufen. Nach langen Jahren eine Ehre, dieser elitären Vereinigung von bayrischen Henkern anzugehören. Mitsamt seiner Familie, und dem Schwiegersohn geht es nun nach München. Doch nicht nur der Rat der Zwölf motiviert den alten Henker die beschwerliche Reise aufzunehmen, er möchte auch seine jüngste Tochter möglichst gewinnbringend und vorteilhaft für die junge Frau, unter die Haube bringen.

In München geschehen eine ganze Reihe von brutalen Morden an jungen Frauen. Die Serie zieht sich womöglich schon seit mindestens zwei Jahrzehenten durch die Stadt. Die Handschrift und Darstellung der Opfer, lässt vermuten, dass nur ein Henker, diese Morde begangen haben kann. Jakob Kuisl und Simon Fronwieser beginnen zu ermitteln und der Täter beginnt erneut zu jagen.

Oliver Pötzsch hat gut daran getan, den Fokus der Handlung nicht nur auf Jakob Kuisl und Simon Fronwieser zu konzentrieren. Diesmal wird die Geschichte aus vielen Perspektiven der ganz verschiedenen Familienangehörigen erzählt. Dadurch wird die Handlung sehr abwechslungsreich und spannend geschildert. Der Perspektivwechsel ist gut, die Handlung allerdings manchmal etwas zäh. Der Titel lässt Erwarten, das der Autor dem Rat der Zwölf viel Aufmerksamkeit schenkt, das ist leider nicht so. Ja, die Mitglieder des Rates werden vorgestellt, aber beteiligen sich zu wenig an den Geschehnissen. Ebenfalls bleibt der Grund dieses unregelmäßigen Treffens, seine Motive und Ergebnisse relativ offen. Darüber hätte ich als Leser gerne mehr erfahren.

Die Atmosphäre der Geschichte ist gut, hätte aber etwas düsterer ausfallen können. Ja der Tod, war auch im späten Mittelalter durch Krankheiten, Hungersnöten und Verbrechen allgegenwärtig, doch die gewaltsame Berufung eines Henkers wird hier wenig thematisiert. Die Morde werden allerdings grauenhaft gut interpretiert.

Faszinierend genau sind aber die Charaktere der Familie Kuisl konzipiert. Oliver Pötzsch lässt seine Figuren älter, reifer, erfahrender und ja auch anfälliger werden. Da wir uns schon im siebten Band befinden, hat die Familie Kuisl schon Verluste erlitten, aber auch Zuwachs bekommen. Die Kinder werden älter und gehen ihre eigenen Wege, sie gründen neue Familien mit noch mehr Herausforderungen und auch inneren Konflikten. So eine stringente und durchdachte Konzeption ist auffällig und großartig, passgenau in die Handlungen eingebaut.

Neben der eigentlichen Kriminalgeschichte, befassen sich die Nebengeschichten mit vielerlei privaten, schwierigen Situationen, kleineren und größeren und diese lassen die Familie in den Romanen von Oliver Pötzsch wirklich authentisch und sympathisch leben und lieben.

Fazit

Oliver Pötzsch ist sich selbst treu und geht mit der Familie Kuisl seinen Weg weiter. Quer durch Bayern lädt er seine Leser im Nachwort dazu ein, sich auf den Spuren der Kuisl zu bewegen und erklärt sehr konstruktiv lehrreich, die Schauplätze seiner Romane.

„Die Henkerstochter und der Rat der Zwölf“ ist ein starker, schnittiger Kriminalroman. Spannend, witzig und manchmal rotnasig frech und munter. Klare Leseempfehlung, trotz kleinerer Schwächen. Allerdings bleibe ich der Familie der Kuisl ein treuer Leser.

Michael Sterzik


Samstag, 22. Juli 2017

Blutebbe - Derek Meister

Im dritten Band der Thrillereihe um das Ermittlerduo Knut Hansen und Helen Henning wird die Nordsee in „Blutebbe“ wieder einmal zur Mordsee.

Nach „Der Jungfrauenmacher“ und „Die Sandwitwe“ spielt die Handlung des vorliegenden Romans wieder in dem provenzalischen Küstendorf Valandsiel.
Wieder treibt ein Serienmörder, die beiden Ermittler Hansen und Henning sowie das LKA mit Johannes Maas mit einer perfiden Serie unter Zugzwang. Die okkulten Ritualmorde und die hinterlassenden Zeichen, im Form von friesischen Runen, lassen ebenfalls den Vater von Knut Hansen – Thor Hansen sichtlich geschockt zurück. Ein früherer Unglücksfall an der Steilküste des malerischen, kleinen Ortes, lassen sehr alte Erinnerungen an die Oberfläche wach wecken. Kann es sein, dass ein Mörder 20 Jahre später erneut eine Serie von brutalen Morden fortsetzt?

Derek Meister versteht es sehr gut, eine Kriminalreihe packend weiter zu erzählen. Das interessante ist, dass das Nachhalten von den vergangenen Strukturen weiter erzählt wird, alte Handlungsspielräume werden wieder aufgegriffen, die Charaktere entwickeln sich munter menschlich weiter und Beziehungsebenen werden entweder weiter gestrickt, oder enden mitunter in einem Showdown. Konzeptionell hochklassig.

Die Charaktere und dieses Muster kann man ebenfalls in den historischen Kriminalromanen um den bärbeißigen Patrizier Rungholt beobachten, sind mitunter etwas skurril. Dennoch oder gerade deswegen sympathisiert man mit diesen manchmal egozentrischen und abgefahrenen Figuren recht schnell. Bei Knut Hansen fragt man sich manchmal ob der kleine Junge vergessen hat sein Cowboyoutfit aus der Kindheit abzulegen, bzw. er hat sein Equipment etwas vervollständigt. Originell abgefahren halt. Helen Henning Entwicklung befindet sich zudem eher in einer kleinen traumatischen Endlosschleife – jedenfalls bis zum zweiten Teil. Die junge Profilerin leidet noch immer unter posttraumatischen Albträumen und Ängsten und kann sich ihrem selbst auferlegten Schneckenhaus nicht entziehen.

„Blutebbe“ von Derek Meister ist obwohl der dritten Teil dieser Reihe auch eigenständig gut zu lesen. Die beiden ersten Teile der Reihe waren an geschilderter Brutalität für einen Thriller gesehen, schon sehr extrem – in „Blutebbe“ geht noch einen Level weiter und gehört damit nicht zu den „Gute-Nacht-Geschichten“, denn sollte man wirklich diesen Thriller in den Abendstunden anfangen zu lesen, sollte man vielleicht der Nacht ein „bye, bye“ anbieten. Spannend und Packend erzählt Derek Meister(lich) diese Story, ohne das großartige Längen auftreten.

„Blutebbe“ ist ein großartiger Thriller – doch leider gibt es auch einige Chancen, die Derek Meister nicht wahrgenommen hat. Die Vergangenheit erreicht und überholt Helen Henning mit der Wucht eines Gewitters, das über sie einbricht. Diesen Handlungsstrang hätte ich ggf. separat in einem Roman verwendet – denn der Gegenspieler hat immens viel faszinierendes Potenzial, dass leider nur ansatzweise ausgespielt wurde.

Weiterhin kann ich es mir für die nachfolgenden Bände nicht vorstellen, dass Valandsiel erneuter Spielplatz für brutale Serienmörder in Folgebänden sein könnte. Der Ort ist zu klein, um als Freizeitmörderpark von durchgeknallten Kriminellen herzuhalten.

„Blutebbe“ ist konsequent, brutal und schonungslos faszinierend. Diesmal gibt es für einige Charaktere ein „Ende“, dass ziemlich überraschend kommt und den Weg für die kommende Entwicklung der Hauptfiguren ein Stück weiter öffnet. Auch hier in aller Konsequenz brillant dramaturgische Entwicklung.

Fazit

„Blutebbe von Derek Meister – der Titel hält, was er verspricht – ist ein großartiger Thriller. Für evtl. dramaturgische Nebenwirkungen ist bestens gesorgt – für menschliche Tragödien ebenfalls. Meisterlich hochklassig inszeniert – Zensur 1 – sitzen – weiterschreiben. Danke.

Michael Sterzik





Samstag, 15. Juli 2017

Corruption - Don Winslow

Der neueste Roman des amerikanischen Autors Don Winslow ist wohl eine der realistischsten Erzählungen und vielleicht auch zugleich das kritischste Werk.

Das amerikanische Rechtssystem unterscheidet sich stark von den juristischen Systemen Europas. Es gibt verhältnismäßig wenige Gemeinsamkeiten und die Sicherheitsbehörden der Vereinigten Staaten von Amerika und ihre Ermittlungsmethoden, sind mit den unseren nicht vergleichbar. Korruption gibt es allerdings überall – in der Politik, in unserem Wirtschaftssystem und sicherlich ist ebenfalls unser Rechtssystem durchdrungen von Intrigen, Erpressungen und kleineren, wie auch größeren Gefälligkeiten.

Don Winslow hat für den vorliegenden Roman jahrelang penibel recherchiert und wird sich mit diesem Werk seine Leserschaft erneut überzeugen, allerdings wird die Stadt New York, mitsamt ihren staatlichen Behörden, ihrem Rechts- und Sicherheitssystem nicht jubilierend klatschen. Diese kommen in „Corruption“ nicht unbedingt gut weg.

„Corruption“ ist vor allem eins – authentisch, brutal und rücksichtslos faszinierend. Es handelt Moralisch gesehen ist New York  Sodom und Gomorrha. Der Mikrokosmos dieser Stadt ist durchdrungen von organisierter Kriminalität, damit einbezogen sind auch die Reichen und Mächtigen dieser Metropole. Geschützt durch Gesetze, durch Systeme sind die wahren Wirtschaftskriminellen fast schon unantastbar. Die wahre Drecksarbeit leisten die Polizei- und Kriminalbeamte auf den dunklen Straßen der Junkies, in den Wohnkomplexen sozial- und krimineller Minderheiten, in den Clubs der Drogenbarone Manhattans. Unaufhaltsam kämpfen diese Männer und Frauen gegen Drogen, Waffenhandel, Prostitution und Menschenhandel und geraten dabei nicht nur in Lebensgefahr, sondern müssen sich oftmals plötzlichen situativen Entscheidungen stellen:

Töte oder verhafte ich den Kinderschänder?
Sage ich vor Gericht die Wahrheit, oder ich lüge ich, damit der Angeklagte in der Todeszelle kommt, oder einer langen Gefängnisstrafe entgegensieht?
Erpresse ich Kleinkriminelle, damit diese auf den Straßen unter Lebensgefahr mir als Informanten dienen?
Nehme ich annektiertes Geld oder Drogen mit, um meinen Kindern das College zu finanzieren?

Don Winslow erzählt in „Corruption“ von einem Detective mit langer Berufserfahrung, der sich diesen Fragen stellen muss. Ein schmaler Grad, ein Tanz auf dem Vulkan – emotional außerordentlich belastend. Don Winslow spricht von den Albträumen der Beamten davon, dass sie nach Dienstschluss die Schrecken des Tages nicht in die eigene Familie tragen, allerdings innerlich daran zerbrechen. Die Beamten haben zwei Familien – ihre eigene und die fast schon familiären Bindungen ihrer Kollegen.

„Corruption“ lebt von den Emotionen dieser Beamten, von dem Verrat an diesen Menschen und legt sehr genau offen, wie korrupt die politischen Ämter der Stadt sind und auch das FBI geht für den Ermittlungserfolg gnaden- und rücksichtslos über Leichen.

Ich habe selten einen Thriller gelesen, der so schockierend authentisch ist und nachhaltig immer noch nachwirkt. Die Leser von „Corruption“ werden sich in die Figuren des Romans sehr schnell wiederfinden und sich nicht nur einmal fragen: Wie hätte ich denn in dieser Situation gehandelt?

Ethisch und Moralisch komplex werden hier menschliche Abgründe thematisiert. Die Gier nach Macht, Einfluss und die Verführung des Geldes lassen die Beamten zu Marionetten werden mit sehr tödlichen Spielregeln.

Wer hier satte Actionsequenzen erwartet, wird ebenfalls nicht enttäuscht werden, allerdings treten diese völlig in den Hintergrund, da die Emotionalität der Protagonisten mit immenser und eindringlicher Gewalt auf die Bühne vorrückt und nichts neben sich stehen lässt.

Sicherlich ist die Story etwas vorhersehbar, allerdings konzentriert sich der Autor auf den schmerzvollen Weg.

Lobenswert ist Don Winslow mahnender Zeigefinger, wenn er das System durch seine Protagonisten an den Pranger stellt. Der Roman „Corruption“ wird keine Veränderung herbeiführen, es ist ein Mahnmal, ein Zeugnis, vielleicht ein kleines Denkmal an die Beamten, die man es auch mal brutal sagen: In Stich gelassen werden. Sie werden verraten, erpresst, ausgespielt, weggeworfen.

Fazit

„Corruption“ ist ein knallharter Copthriller, ein emotionales Feuerwerk. Schonungslos brutal – aber ehrlich. Ein großartiger Thriller mit einem Echo, das noch lange nachhallen wird. Einer der besten Dramen aus der Feder Winslows.

Michael Sterzik


Freitag, 14. Juli 2017

Der Löwe des Kaisers - Der Aufstieg von Cornelia Kempf

Es gibt viele historische Ritterromane, doch nur wenige Titel, bleiben der Leserschaft im Gedächtnis, und ja nur wenige sind realistisch und authentisch erzählt. Das alte Vorurteil des edlen Ritters und der holden Prinzessin, ist uns nicht zuletzt durch Märchen oder Filmen implementiert worden. Wer sich allerdings mit der Epoche beschäftigt, wird diese Vorurteile schnell vollkommen entkräftet erkennen. Schwur, Schwertleite, dabei eine Nacht im Gebet auf Knien in der Kirche zubringen – Ja das war so, für den Moment war es ggf. so. Nach dieser Momentaufnahme, war der Aufprall im realen Leben für die jungen Männer ein nachhaltiger und lauter. Die meisten werden wahrscheinlich schon in ihrer Ausbildung als Knappe, dass harte und vielleicht kurze Leben eines Edelmannes und Ritters kennengelernt haben dürfen.  

Im vorliegenden Roman von Cornelia Kempf – Der Löwe des Kaisers – Der Aufstieg wird das historische Ritterleben thematisiert, wie es offensichtlich wirklich im Alltag zugegangen ist. Dabei schildert die Autorin, den Alltag der Protagonisten aus vielen unterschiedlichen Perspektiven. Kaiser, Könige, Adel  und Ritter,  Klerus und natürlich die einfachen Menschen sind hervorragend in die verschiedenen Haupt- und Nebengeschichten eingebaut. Ein sehr buntes, manchmal dramatisches Bild einer Epoche, die noch immer prägend auf uns wirkt.

In der Zeit, in der Epoche der Adelsgeschlechter Welfen und Staufer, werden Europas Grenzen durch Intrigen der Politik, durch Kriege und durch Einfluss der Kirche neu gesteckt. Die Grenzen bestehen zum Teil noch in der heutigen Zeit und nicht zuletzt gibt es monumentale, architektonische Kirchen, Burgen und Schlösser, die von der  Pracht, der Macht und dem Einfluss ihrer Zeit sprechen.

Cornelia Kempf schildert feinfühlig das tägliche Leben ihrer Figuren. Machtpolitische Spiele – sind die Basis des Romans, in der die beiden Zwillingsbrüder Einhard und Gunnar als Hauptfiguren, ihren Weg gehen. Allerdings werden sie nach ihrer Zeit als Knappe unterschiedlichen Herren dienen dürfen. Die beiden verwandtschaftlichen Kontrahenten sind: Kaiser Friedrich Barbarossa und dem mächtigsten Herzog in Deutschland -  Heinrich der Löwe.

Die Autorin Cornelia Kempf erzählt mitreißend mit feinfühligen Dialogen von den Erlebnissen der beiden doch so unterschiedlichen Brüder in den Zentren der Macht, Intrigen und Verschwörungen. Natürlich wird auch hier geliebt, dramatisch, verzweifelt, manchmal mit viel Hoffnung, manchmal enttäuschend – doch die Autorin fokussiert sich nicht auf die Liebelein der beiden jungen Ritter.

„Blut ist dicker wie Wasser“ doch ihre Liebe und Zuneigung wird arg auf die Probe gestellt. Ihrem Herrscher Untertan gewinnen sie an Einfluss und neidvollen Feinden.

Sehr lobenswert sind die geschichtlichen Hintergründe, die sehr, sehr gut recherchiert und interpretiert wurden. Der Fokus des Romans bilden die Rivalitäten der beiden mächtigen Herrscher – dabei zieht sich die Autorin auf einer neutralen Seite und berichtet von den Beweggründen und Entscheidungen, der Motive des Kaisers und seines Herzogs, die der Leser ebenfalls nachvollziehen kann.

Cornelia Kempf hat ihre Protagonisten immens fein geschliffen. Das die beiden Zwillinge sich charakterlich stark unterscheiden, hebt natürlich die Spannung und fördert die Konfrontationen. Die Charakterzeichnung der beiden weiteren Hauptfiguren Barbarossa und Heinrich sind ebenfalls detailliert konzipiert.

Wer einen historischen Roman erwartet, in der von vielen blutigen Schlachten erzählt wird und Gewalt und Tod erwartet, könnte enttäuscht werden. Ja, solche Szenen gibt es, aber sie stehen nicht im Vordergrund, was sich durchaus nicht negativ auf die Spannung auswirkt. Die Brüder und ihre beiden Herrscher befinden sich in einer Eskalationsspierale – aus der wahrscheinlich nicht jeder lebend entkommen wird.

Fazit

„Der Löwe des Kaisers“ – Der Aufstieg ist der erste Band eines Zweiteilers. Der zweite Band – der noch in diesem Jahr veröffentlicht wird, erzählt vom Fall Heinrich des Löwen.

Trotz seines voluminösen Umfangs von fast 600 Seiten – ist der Roman so spannend und abwechslungsreich erzählt, dass er kurzweilig ist.

„Der Löwe des Kaisers“ – Der Aufstieg von Cornelia Kampf eine großartige Charakterzeichnung zweier Herrscher, die vieles geleistet haben und deren Erschütterungen wir noch immer spüren. Ein großartiger Roman – der wie ein historischer Paukenschlag überzeug und lange, positiv nachhallt.

Absoluter Geheimtipp für Leser, die hoch konzentrierte Machtspiele wie Schach betrachten – Im Krieg und in der Liebe – ist alles erlaubt.

Michael Sterzik


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